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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 81

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 81 (sequence 93)
Language
German
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er sie nicht mehr, dann hört der Glaube auf Lebenselement zu sein, dann ist er nicht mehr, was er seinen Prinzipien nach sein muß, Basis und zugleich Krone des menschlichen Tuns. . So lange z. B. die Idee des Christentums, seine Anschauung von der Welt, als der Sünde, die der Sühne bedarf, vom Leben als einem Übel, einem Falle, der der Erhebung bedarf, die Anschauung, daß das Leben durch das Leben erkauft werden kann — und das ist das Grundproblem des Christentums — ein Bestandteil des europäisch-abendländischen Bewußtseins war, war das Christentum eine Kulturmacht. Als die neue psychische Welle kam und die alte verschlang, änderte sich die Seelenstimmung, der Begriff der Welt als Erbsünde, als Vorbereitung für ein anderes Leben, für die Jenseitigkeit, mußte einer neuen Weltanschauung der Diesseitigkeit, der kausalen Zusammenhänge den Platz abtreten. Auch das sittliche Ideal des Christentums, das Ideal der Demut und der Heiligkeit hat sich überlebt. Die ganze europäische Gedankenarbeit von heute ist darauf gerichtet, eine neue Sittlichkeit und eine Weltdichtung zu schaffen. Die Religion von ehedem war die der „Katholizität", der Allheit. Jetzt aber strebt man nach der Religion des Individuums, des Menschen, der auf sich gestellt ist. Lazarus hat einmal gesagt: „Jedes Volk hat eine Religion, die Katholizität ist unmöglich". Ich gehe noch weiter. Nicht ein Volk — nur der Mensch hat eine Religion, eine ethnische Religion kann es nicht geben. Kann nun das Judentum vor dem Sturm des Neuen bestehen? Wenn die ganze Welt eine neue wird, hat das Judentum allein so viel Kraft und Saft, um auch jetzt ein ganzes Leben auszufüllen, ein Gefüge von Stahl zu sein? Schauen wir zuerst, wie sich das Judentum zu den Postulaten des modernen religiösen Bewußtseins verhält. Die moderne Religion ist von allem das Gegenteil von der alten in dem Sinne, daß sie keine „religio", keine Gebundenheit ist. Der Mensch ist frei, sein Wille entfesselt, sein moralisches Bewußtsein autonom geworden. Das Element des Sprunghaften, Kausallosen, ist ausgeschlossen worden. Ausgeschaltet ist die Idee der Diehstbarkeit, der untergeordneten Stellung, der Demut des Menschen. Ausgeschaltet ist. die Idee des Schöpfers selbst. Im Judentum sind alle diese Elemente vorhanden. Sie bilden die Grundlage des jüdischen Glaubensinhaltes. Der Widerspruch zwischen der philosophischen Auffassung der Religion läßt sich am besten aus der Zusammenstellung zweier Äußerungen — Hegels und Mendelssohns — ersehen. Hegel sagte in seiner Religionsphilosophie (I, 215): „Der Inhalt der Religion ist die ewige Natur Gottes, nicht zufällige äußerliche Dinge.". Als Mendelssohn zum Übertritte zur christlichen Religion aufgefordert wurde, erwiderte er: „Seine Religion gebiete ihm nicht den Glauben an ewige Wahrheiten, sondern nur an gewisse Gesetze, Handlungsweisen, Zeremonialgesetze, er sehe dies als einen Vorzug der jüdischen Religion an, daß ewige Wahrheiten in ihr nicht geboten würden, denn diese zu finden, dazu reicht die Vernunft nicht aus; jene positiven Statuten seien von Gott festgesetzt worden, diese ewigen Wahrheiten seien aber die Gesetze der Natur, Wahrheiten der Mathematiker. Wir müssen freilich zugeben, daß sie ewig sind, aber sie sind von sehr beschränktem Inhalte, sind kein Inhalt des Geistes an und für sich.". Wie weit Mendelssohn in seiner Philosophie des Judentums gekommen ist, wissen wir zur Genüge. Sobald das Judentum nichts weiter ist als Kultus, als Zeremonialgesetze, dann ist sein innerer Wert nichtig, dann ist sein Urteil gefällt. Von der Entmetaphysierung des Judentums zur völligen Emjudung ist ein Schritt. Wegen der Tefilin und des Händewaschens usw. sich einer ganzen Welt entgegenzustellen, ist wohl kaum der Mühe wert. In allen Religionsbüchern der Welt haben wir Zeremonialgesetze, die sich im wesentlichen nicht von den jüdischen unterscheiden. Auch die Vedas gebieten Reinheit im Wandel, Reinlichkeit im Leben. Praktische Vorschriften machen noch keine Religion aus. Mendelssohn hat eigentlich die Arbeit von Maimonides, die destruktive — wenn auch unbewußt — fortgesetzt. Beide haben dem Judentume den eigentlichen Lebenskern genommen. Hegel, der alles versöhnen wollte, für den es keinen noch so scharfen Gegensatz gab, der sich nicht in irgend einer Einheit ausgleichen, „aufheben" ließe, machte eine Verbeugung vor der 81

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