Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 92)
- Language
- German
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4 fixum). Paulus war in dieser Beziehung ein typischer Jude. Indem er sich ein Dogma zu eigen machte, machte er sich auch zum Sklaven dieses Dogmas des Glauben, der ein Schrankensetzen, eine Selbstbeschränkung des Geistes ist. Der Glaube verengert sich mit Wonne, bringt freudig sein sacrificium intellectus als Opfer, legt seinem Geiste Fesseln an und jauchzt dabei. Das war von ungefähr der psychische und daraus auch der metaphysische Hintergrund des jüdischen Glaubens. Beim Indier war das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, wie zwischen Ganzem und Teil. Gott-Brahma — das Unoffenbarte. Der Mensch ist ein Teil Brahma's, des sich Offenbarenden. Aus dem Brahma entwickelt oder vielmehr entfaltet sich wie aus dem Samen der Baum, das ganze Universum, in all seiner Mannigfaltigkeit, die doch Einheit ist. Und deshalb kann der Wissende, der Erkennende nach vielen Geburten — so lehren die Bücher der Hindus — zu Brahma eingehen, in ihm aufgehen. Dem Griechen war das Verhältnis zwischen Gott und Mensch das zwischen Stärkeren und Schwächeren — und doch Wesensgleichen. — Bei den Juden war der Mensch ein Diener Gottes, und nur selten ein Kind Gottes. Mit welchem Jubel singt der Psalmist von seiner Dienstbarkeit, von Gott dem Herrn. Kein Volk hat diesen Gedanken so tief in sich aufgesaugt, das ganze Leben darauf gestellt. Und weil er unwandelbar ist, ist auch seine Lehre unabänderlich. Da wir im vorhinein wissen, daß alles sein Wille ist, daß wir aber seinen Willen nie ergründen können, so hat es auch keinen Sinn, hinter das Wesen der Dinge zu kommen, über die Welt des Seins und des Scheins zu denken. Und deshalb haben wir auch kein einziges philosophisches System, das den Stempel des altjüdischen Geistes an sich tragen würde. Denn auf alle Fragen des menschlichen Gedankens antwortete immer eine Stimme: „Ich bin Gott". Es war eine Kosmotheologie und eine Historietheologie. Man will uns immer und immer wieder den Gedanken beibringen, das Wesen des Judentums sei die Moral. Das sittliche Bewußtsein, der Kern des Judentums sei der Prophetismus. Was heißt Moral? Die Beziehung der Menschen zu einander. 80 Und Sittlichkeit? — Mit Hinsicht auf Gott, mit Bezug auf die allgemeine Weltordnung. Aber haben denn die Propheten das höchste moralische Gesetz gelehrt? Sie haben Brüderlichkeit und Gleichheit und Sinnesreinheit gepredigt — doch dies alles weil — der Herr es so befohlen hat. Die Propheten lehrten die subjektive Moral. Der Mensch und der Schöpfer stehen sich gegenüber, der eine mit seinem sittlichen Wollen, der andere mit seiner Fähigkeit, auszuführen oder abzulehnen. Es ist die Atomisierung des sittlichen Prinzips, aus der keine Gesellschaftslehre entstehen kann. Es ist auch kein Sittengesetz, dem wir frei, aus eigener Erkenntnis seines Wertes folgen. Wenn der Mensch gut und fromm lebt, alle Erfordernisse des sittlichen Kodex erfüllt — was dann? Und wenn er sich fragt, wo ist der innere Sinn des Lebens, des Entsagens, des Duldens, und wenn er sich sagt: „cui bono?" Welche Antwort bietet ihm die Moral der Propheten? Der Prophet kann strafen und zürnen, drohen und wettern, aber wenn wir mit den ewigen Fragen an ihn heranrücken, wenn wir ihn nach dem Zweck des Sittlichen fragen, dann hat er keine Antwort, als das: „So ist der Wille Gottes". Ist dies das letzte, entscheidende Wort? Ich will mich nicht länger bei der geschichtlichen Bewertung der Weltanschauung des Judentums aufhalten. Welchen Wert das Judentum für die Entwicklung des jüdischen Volkes und seiner Stellung in der Menschheit hatte, ist nicht so leicht zu beurteilen, weil sie mit der ganzen Weltanschauung zusammenhängt. Was mir aber hier am wichtigsten ist — das ist das Verhältnis der Gegenwart zum Judentum, besonders der Gegenwart des jüdischen Volkes, seine Stellung innerhalb der Weltkultur. Und ich stelle die erste, in ihrer Schroffheit vielleicht brutale Frage: lebt das Judentum überhaupt noch? Es ist keine rhetorische, auf Effekt berechnete Frage: aus der Wirklichkeit entstanden, wurzelt sie in der Tatsächlichkeit, in den Verknüpfungen und Bedingungen des Gewordenen. Ein Glaube lebt nur so lange, als er schöpferisch ist, als er den Impuls zu jeder Lebenshandlung gibt, die Führung in jeder Lebenslage hat. Hat