Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 91)
- Language
- German
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mogonie von' Xenophanes bis auf die platonische und neoplatonische Philosophie ableiten können, ebenso wie eine aus dem Mythus der Veden die grandiose Philosophie der Brahmanen und dann Buddha's sich entwickelte, ebenso konnte sich aus dem „Am Anfang erschuf ..." eine tiefe selbständige jüdische Philosophie, herausbilden. Wir hatten auch Ansätze dazu. Hiob und Kohelet waren die größten und konsequentesten Denker der jüdischen Antike. Hiob der Voluntarist, Kohelet, der an die ewigen, unerschaffenen Gesetze des Weltalls glaubte, wogegen der Wille und die Tat des Einzelnen nichts ist. Hiob ist der mächtigste Ausdruck der Jahvistischen Kosmogonie, der voluntaristischen Anschauung des Judaismus. Mein Gesetz — mein Wille — das ist der extreme Ausdruck der jüdischen Weltanschauung, der Philosophie des persönlichen Gottes, des Weltwillens, der seiner bewußt ist, des Weltwesens, das Schöpfer und Lenker, Zielsetzer und Führer zugleich ist. Der persönliche Gott, der sich um das Wohl und Wehe des Menschen kümmert, der wie Person zu Person mit ihm spricht, für den der Einzelne Zweck ist, und zugleich Mittel zu einem höheren Zwecke, zur Erfüllung seines Willens, der das Gesetz der Welt ist. Gott als Herrscher — das ist die eine Seite der jüdischen Lehre. Und demgegenüber steht die zweite, die in Kohelet verkörpert ist. Es ist ein Pessimismus aus der Erkenntnis der Nutzlosigkeit des Einzelwillens gegen die ewigen Gesetze entsprungen. Maimonides hat es auch eingesehen, obwohl er es auch nicht zugeben wollte. Aber er fand bloß eine Ausflucht, eine Verlegenheitsantwort. Da in dem Kanon alles klappen mußte, alle Meinungen und Ansichten von einem Gusse sein sollen, mußte Maimüni, der größte Systematiker des Judentums, umgehen, wo er nicht zugeben, leugnen, wo er nicht einstimmen konnte. Aber es ist so. Diese beiden Prinzipien beherrschen das Denksystem des Judentums, das rationalistisch-voluntaristische und das mystische. Das erstere führte zur Ethik einerseits und zur praktischen Thora anderseits; das zweite zur großartigen Kosmogonie — und, ich möchte fast sagen, zur eigentlichen Philosophie. Man vergleiche, welches Prinzip fruchtbarer ist — und ich halte an meinem Beispiel fest. Das mystische, das z. B. in dem „Pirke des Rabbi Elieser" seinen Ausdruck fand, wo von der Erschaffung der Welt <eine wunderschöne, tiefe Mythe erzählt wird oder das rationalistische-voluntarische, für die Maimonides die Formel geprägt hat, die im Satze gipfelt: „So wollte Er". In ihr gibt es keine Entwicklungsmöglichkeiten, von ihr führen keine weiteren Wege. Wohin? In das Unergründliche? Vom Dogma geht es aus, zum Dogma kehrt es wieder, sich im Kreise drehend. Seine rationalistische Erklärung ist eine analytische. Sie löst das Gegebene in seine Bestandteile auf, ohne es zu erweitern. Die erstere, die Theorie der jüdischen Mystiker, war eine synthetische, indem sie das Gegebene erweitern, komplettieren, ausbauen wollte. Eine Richtungslinie war sie und eine Methode zum weiteren Denken. Die rationalistisch-ethische Denkart schloß jede weitere Entwicklung aus, schnitt jede neue Möglichkeit ab. Wenn wir die ganze — noch ungeschriebene — Geschichte des jüdischen Denkens in ihren Entwicklungsphasen verfolgen wollten, so könnten wir überall den manchmal offenen, manchmal latenten — Kampf der beiden Prinzipien beobachten. Nicht auf dem einen allein baute sich das Judentum auf und nicht auf dem zweiten; aus dem Zusammenwirken beider ist es hervorgegangen. Aus dem Sefer Jezira und dem „Chowos Halewowos", aus der Metaphysik und Kosmogonie einerseits und der Ethik anderseits ist eine Ideenwelt zustande gekommen, die weder eine rein ethische noch eine metaphysische ist. Starker, unwandelbarer Glaube ist schädlicher als starker, nagender Zweifel. Glaube ist Beruhigung, Zweifel ist Weiterförderung, Anspannung der Kräfte, Suchen nach einem Neuen, Unzufriedenheit. Wer den Glauben hat, will nichts wissen, braucht nicht das Wissen. Vielleicht ist nie die jüdische Art zu glauben, die jüdische antike Denkweise so präzis ausgesprochen worden, wie gerade beim ersten, größten Leugner und Gegner des Judentums, dem Lehrer der neuen Doktrin — Apostel Paulus. „Ich weiß," sagt er in einem seiner Briefe, „nichts, als daß Christus gekreuzigt war (nil scio praeter Christum cruci- 79