Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 90)
- Language
- German
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präsentieren? Sind wir denn nicht Fleisch und Blut wie jedes andere Volk, brauchen wir eine andere Rechtfertigung unseres Daseins, als daß wir sind? Warum „cogito, ergo sum" und nicht einfach „sum"? Fragen andere Völker nach ihrem „sum"? Wer nach Gründen sucht, der fühlt sich im Unrecht, wer eine Erklärung seines Daseins anstrebt, dem ist es selbst ein Rätsel, eine Frage. Ist das Judentum für uns eine Frage? Und ich fürchte, wir werden auf die Frage, auf die der Fragesteller im voraus eine verneinende Antwort erwartet, nur ein Ja antworten müssen. Als vor einigen Jahren das Problem des Wesens des Judentums aufgerollt wurde, da fanden sich nur wenige, die den Ruf verstanden. Den meisten ist der Sinn für das Problematische überhaupt abhanden gekommen. Ist es nicht eine merkwürdige Erscheinung, daß gerade in der Zeit, als das Judentum felsenfest war, unerschütterlich in seinen Grundlagen und mächtig in seinem Glauben an sich selbst, Leute erstanden, die an den Säulen rüttelten, und solche, die sie noch fester machen, sie zu Ewigkeitspfosten machen wollten? Und ist es nicht noch merkwürdiger, daß jetzt, in der Zeit des merklichen Niederganges des Judentums, nicht einmal Kämpfe zu spüren sind, nicht einmal die Leidenschaft des Zerstörens wider die des Erhaltens? Der Kampf um die Form der nationalen Existenz, der in den letzten fünfzehn Jahren geführt wurde, ist kein prinzipieller, tief eingreifender. Weder leugnen die sogenannten Assimilanten, daß das Judentum leben könne — im Gegenteil, sie haben von der Existenzfähigkeit des Judentums eine übertrieben hohe Meinung — noch zeigen die Nationalisten, die die Prämissen' der ersteren leugnen, wie sich das Judentum in der neuen, freien Lebenssphäre erhalten und fortentwickeln könnte. Weder Nationalisten noch Assimilanten, die Gegner der jüdischen Volksidee, haben uns eine Antwort auf die Frage gegeben — kann sich das Judentum weiterentwickeln, hat es die Elemente dafür und welche Formen dürfte die Evolution annehmen? Maimonides hat seinerzeit die gewagte Aufgabe lösen wollen, das Judentum insofern weiter zu entwickeln, als er es mit dem philosophischen Gedanken in Einklang bringen 78 wollte. Und das war viel. Philo's Anpassungsbestrebungen haben dem Christentum Vorschub geleistet. Indem er Mosaismus mit dem Platonismus vereinigen wollte, hat er ein Drittes ins Leben gerufen. Seine Vermittlung führte zur Lehre der Vermittlung. Sein „Logos" der Vermittler (Paraklet) wurde zum Mittler, zu Christus. Maimonides wußte vielleicht nicht, welche Gefahr er laufe, indem er Bibel und Aristoteles vereinigen wollte, das Judentum, das Dogma auf den reinen Verstand stellen wollte. Indem er das Judentum des letzten Restes von Mythus entkleidete, es zu reiner Philosophie machte, nahm er ihm auch einen großen Teil seiner Stärke. Der Mythos ist das wallende Haar am Nacken Simsons. In ihm liegt die Stärke, in ihm liegt das Geheimnis, das Mysterium, in dem eigentlich die Religion besteht. Religion ist nicht nur Lehre von Gott, sondern Ahnen vom Geheimnis Gottes. Das hat die alte vorexilische jüdische Theologie gefühlt, indem sie die „Maasse Merkabah" schuf. Das haben alle ernstreligiösen Gemüter im Judentum tief empfunden. Ibn Gebiröl hat in seiner Religionsphilosophie mehr den Puls des Judentums empfunden als Maimonides. Er hat durch seine Mystik das Judentum viel weiter gefördert als Maimonides mit seiner Analyse und der logischen Auflösung der jüdischen Mythen. Indem dieser das Religiöse in der Religion beseitigte, schuf er sich selbst die Schwierigkeit des Entrinnens aus der unvermeidlichen Konsequenz des Verneinens. Ich werde als charakteristisches Beispiel seine Ansicht über das Grundproblem der Metaphysik, besonders aber der Religionsphilosophie anführen. Es ist der scholastische Streit über die „Schöpfung". Ist die Welt durch den reinen Willensakt des Schöpfers entstanden, d. h. ist sie erschaffen worden, oder besteht sie von allem Anfang da, anfanglos, unvergänglich? Die Bibel sagte: „Gott erschuf." Aber in der Kosmogonie der Bibel erfahren wir nicht, was Gott erschuf. Ist es bloß die Form oder die Materie. War es eine Schöpfung aus dem Nichts oder waren Elemente seit der Ewigkeit vorhanden? Hier war ein Punkt gegeben, an dem der jüdische philosophische Gedanke sich entwickeln konnte. Ebenso wie wir aus den alten griechischen religiösen Kosmogonien die philosophische Kos-