Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 89)
- Language
- German
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Jüdische Probleme Von Dr. A. CORALNIK. an hat in der letzten Zeit oft von der Unsterblichkeit der Rasse, des Volkes gesprochen. Ein Mensch, der Einzelne, könne untergehen, das Ganze, die Struktur, die Form, der Zusammenschluß, was wir eigentlich Volk benennen, sei aber unvergänglich, unsterblich. Den trüben Prophetenrufen: „Verwelkt ist das Volk, dürres Gras ist es," stellte man das Unsterblichkeitsdogma der Rasse entgegen. Und es war gewissermaßen auch eine Befreiung. Aber ist es nicht ebenfalls eine Illusion? Warum muß ein Volk leben? Und es wird zur Antwort: weil es kann. Leben und leben können ist dasselbe. Esse et posse idem est. Aber was heißt leben können? Ein Organismus lebt, so lange er kann, d. h. so lange seine Anpassungsfähigkeit dem Widerstande der Außenwelt die Wage hält. So lange er schöpferisch tätig ist. Ist seine Schaffens- und Zeugungskraft zu Ende, dann neigt auch sein Leben zu Ende. Wo keine stete Bewegung, Entwicklung, Erneuerung stattfindet, wo Stille eintritt, dort hört das Leben auf. Wir haben eigentlich den vollständigen Tod einer Kulturnation noch nicht gesehen. Alle geschichtlich verbürgten Völker haben sich erhalten, diese oder jene Form angenommen, ihren innersten Kern doch beibehalten. Weil wir keine Völker sterben sahen, können wir auch nicht sagen, ein Volk könnte, sterben. Aber Ideen sterben. Ganze Gedankenkomplexe stürzen zusammen, fallen wie welke Blätter auf die Erde, wenn ihre Frucht reif ist, wenn sie ihr Werk getan. Und neue Ideen werden geboren, leben, kämpfen, knospen und welken. Sie ändern mit der Zeit auch die Physiognomie der Völker, des Humus der Ideen. Allmählich, unmerklich. Und am Ende stehen wir am Schlüsse einer Entwicklung, ohne daß wir uns dessen versahen — und sieh, eine neue Generation ist entstanden mit einer neuen Welt in sich. Das Volk ist ein anderes geworden. Und wenn keine neue Idee kommt? Und wenn die alte abstirbt, ohne daß die junge ihr lachendes Erbe antritt, was wird dann? Wirkt das nicht wie ein- Krebsschaden auf die Generationen zurück, die keinen Lebensinhalt, keinen festen Punkt, kein Lebensziel mehr haben? Die Idee ist eine Kraft, „idee force", wie Fouillier sagte. Eine Weltanschauung ist ein eisernes Band. Die mittelalterliche, christliche Weltanschauung hat das Weltreich Karls zusammengehalten, indem es ihm die ideelle Rechtfertigung gab. Die Menschen haben immer eine Rechtfertigung nötig. Die gemeinsamen Ziele und das gemeinsame Ideal sind eine Rechtfertigung für die Gegenwart und für das Wollen für die Zukunft. Wo die Idee ins Schwanken gerät, dort wird die Kette, die das Leben über Zeit und Raum verbindet, unterbrochen, dort fallen die einzelnen Teile auseinander, atomisiert sich das Volk. Wenn ein Baum trocken wird, geht er zugrunde. Die hebräische Sprache kennt eine merkwürdige, auf uralte Erlebnisse hindeutende Identifizierung des Wortes „trocken" und „zugrundegehen". Ja, wenn ein Volk trocken wird, kommt dann auch ein Verfall? Haben wir Juden das zu befürchten? Können wir allen pessimistischen Anwandlungen der Zeit zu Trotz auf unsere ethnische Unsterblichkeit hoffen und danach leben? Können wir mutig und unverzagt in die Zukunft schauen, im Glauben, daß das Volk ewig ist, ewig wie seine Lehre? Und hier ist der Punkt, an dem die Frage schneidend wird. Ist die Lehre ewig? Ist sie wirklich noch immer das Lebenselement, die große „idee force" des Judentums? Ist das Judentum als solches, als Ideenkomplex in seiner Gänze lebensfähig, lebensfördernd? Das sind die großen Fragen des Judentums. Judentum und immer wieder Judentum, wird man mir entgegenhalten. Warum müssen wir uns nur als Menschen des Geistes und der Lehre 77