Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 72)
- Language
- German
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den Glauben an die Möglichkeit, sich eine eigene Würde auf eigenem Boden zu erwerben. Dieser Glaube kann nicht durch Worte, sondern nur durch die befruchtende Tat entstehen. Und damit kommen wir zum Schluß unserer Untersuchung. Auch da ist uns Moses Heß mit leuchtendem Beispiel vorangegangen. Er war der erste, der prinzipiell die nationsverneinende Humanitätsduselei als leeres Geschwätz entlarvt hat, wenn er es auch in höflicher Form ausdrückt. „Die antinationalen Humanitätsbestrebungen sind ebenso unfruchtbar, wie die antihumanen nationalen Tendenzen der mittelalterlichen Reaktion. In den antinationalen theoretischen Humanitätsbestrebungen sehe ich, gelinde ausgedrückt, mehr Idealismus als Realität*". Das ist der erste Grundsatz des antiassimilatorischen Zionismus. Die Menschheit, gleich dem Pflanzen- und Tierreich, ist kein Einerlei, sondern ein in Nationen, Rassen, Völker und Familien gegliedertes Weltreich. Allmenschliche Werke gibt es gar nicht. Nur diejenigen Werke, die den höchsten und adäquatesten Ausdruck nationalen Schaffens darstellen, haben mit der Zeit internationale, d. h. allmenschliche Bedeutung erhalten. Die Bibel, die Werke Homer's, Shakespeare's, Goethe's, Tolstoi's, die ja alle die allernationalsten Schöpfungen der jüdischen, griechischen, englischen, deutschen und russischen Nation sind, haben allmählich allweltliche Bedeutung erhalten, sind zu Fundamenten der ,,Humanität'* geworden. Was man gewöhnlich Humanitätsbestrebungen oder -werke nennt, sind nichts anderes, als Produkte der impotenten Vernunftsmittelmäßigkeit. Alle Nationen haben ein Recht auf Existenz und das Heil der Menschheit erfordert das Vorhandensein nationaler Variationen. Weil wir echte Humanitätsverteidiger sind, sind wir für die allseitige Autonomie aller Nationen, ergo auch der jüdischen. Es handelt sich nur um die Existenzbedingungen unserer Nation. Und darauf haben wir nur eine Antwort: zu ihrer Existenz bedarf die jüdische Nation derselben Bedingungen, wie alle anderen Nationen — soziale und kulturelle Autonomie auf eigenem Boden. Dann, aber nur dann kann und " wird das Judentum die volle Emanzipation erwerben, denn dann wird es eigene, selbständige Werte schaffen und eigene Werte sind die conditio sine qua non eigener, voll anerkannter Würde, nach der das Judentum jetzt strebt. Nicht als Individuen, sondern als Nation, als selbstschöpferische und unabhängige Nation, werden wir von allen übrigen Nationen die volle Emanzipation erwerben, die Anerkennung unserer uneingeschränkten Würde erreichen*. Wie sind aber diese theoretischen Sätze in die Praxis umzusetzen? Ja nicht durch Phrasen, die dabei das völlige Mißverstehen des Wesens und der Ursachen der Assimilation bekunden, sondern durch langsame Ansammlung von sozialen und kulturellen Werten in Palästina. Denn nur auf diese Weise können wir den Glauben an den tätigen Messianismus im Judentum wiedererwecken. Und in dem Momente, wo es diesen Glauben wiedergewonnen hat, ist die Assimilation mit einem Schlage vernichtet. Die Bekämpfung der Assimilation dieser normalen Abnormität ist vor allem und ausschließlich eine erzieherische Arbeit durch die schöpferische Tat in Palästina. Und wie klein auch der Anfang wäre, so würden seine Folgen sich sofort im ganzen Judentum verspüren lassen. Die den Mitteln angemessene, langsame Kolonisation Palästinas_er« wirbt somit ihre gewaltige Bedeutung nicht dadurch, daß sie das soziale Problem der Judennot sofort löst7 sondern dadurch, daß sie sofort das moralische Elen^deTTin Zersejtzung begriffenen^ "Judentums aufhebt. Die Lösung des sozialen Problems ist nicht in der Macht einer verschwindenden Minorität, sondern des geeinten, gesunden und stolzen jüdischen Volkes. Deshalb ist der Territorialismus, der durch Philantropie die soziale Judenfrage lösen will, Humbug. Vor allem handelt es sich um die Gesundung unseres Volkes, um es erst fähig zu machen, sich an die Lösung seiner sozialen Not heranzuwagen. Diese Gesundung kann nur durch die praktische Kolonisationsarbeit in Palästina, mit der die ganze geschichtliche jüdische Seele, unsere ganze geschichtliche * I b i d e m, 57. 64 * I b i d e m, Vorwort, XVI.