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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 63

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 63 (sequence 71)
Language
German
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jeden Augenblick bereit sind, in ihre Heimat zurückzukehren, sondenTäls bodensl:ändige^Bürger des Geburtsortes. Wir müssen es offen heraussagen : ,die Neuorthodoxie ist nach unseren Beob-' achtungen nicht frei von einer wenigstens objek- . tiven Hjpokrisie, ihr fehlt« die Naivität, die Un-u mittelbarkeit und Ursprünglichkeit der alten, echten - . Orthodoxie, wie wir sie noch in manchen Gegenden Polens und Rußlands finden, die wirklich jeden Augenblick auf den gottgesandten Messias wartet/ Die' Neuorthodoxen geben für Palästina Chalukaspenden und sie selbst wollen hier die Emanzipation genießen. Diese ist der Urgrund der ganzen Assimilation. Sie führte auch zur Reform, die ja vor allem ein Mittel war, um die Gleichberechtigung zu bekommen, was Heß nicht einmal betont. Aber auch das ist keine Schlechtigkeit, sondern eine Notwendigkeit. Sobald der Jude den Glauben an die eigene Würde, resp. an die Möglichkeit, eine eigene Würde zu erwerben, verloren -hat, muß er nach irgend einer Würde streben. All das ist in Ordnung der Sache — wenigstens für die kompakte Majorität. Daß es in Ordnung ist, wollen wir nur auf einen Umstand hinweisen. Moses Heß, dieser konsequenteste Jude des XIX. Jahrhunderts, stellt folgende Forderung auf: „Wäre es wahr, daß die Emanzipation der Juden im Exil unvereinbar sei mit der jüdischen Nationalität, so müßte der Jude die Erstere der Letzteren zum Opfer bringen*." Wie viel Juden gibt es heute, die diese Forderung eventuell konsequent durchführen würden — nicht bloß unter den assimilierten Juden, sondern sogar unter den Zionisten? Es ist wahr, daß Heß selbst glaubt, die Emanzipation sei auch ohne Aufopferung der Nationalität zu bekommen, worin wir mit ihm nicht einverstanden sind, wenn wir unter Emanzipation nicht die juridische, sondern die soziale, nicht die formale, sondern die sachliche Gleichberechtigung verstehen. Umsomehr, als Heß der erste war, der den wahren Hintergrund des Gegensatzes zwischen uns und den anderen Völkern aufgedeckt hat. Der wahre- Gegensatz wurzelt nicht in der Verschiedenheit der Religion, sondern in der Rasse. „Die Deutschen", schreibt er, „hassen weniger die Religion der Juden, als ihre Rasse, weniger ihren eigentümlichen Glauben, ~tils ihre eigentümlichen Nasen". Und im Gegensatze zu seiner anderweitigen Behauptung, es sei wohl möglich die Emanzipation zu bekommen auch ohne Aufopferung der Nationalität, fährt er fort: „Weder Reform, noch Taufe, weder Bildung, noch Emanzipation erschließt den deutschen Juden vollständig die Pforten des sozialen Lebens*". Ja, was soll da Emanzipation bedeuten? Also nur/die formale Gleichberechtigung, aber nicht die volle Wür<Je. Nebenbei müssen wir bemerken, daß Heß einseitig nur die Deutschen betont. Jetzt wirp^ niemandem einfallen, da einen Unterschied unter Franzosen, Deutschen, Polen, Russen und so weiter zu machen. Uberall ist dasselbe. Und trotzdem es sich nur um die formale Gleichberechtigung, um die dekretierte Würde handelt, wie* viel" Juden würden heute diese Emanzipation der Nationalität aufopfern? Wir glauben njcht allzu pessimistisch zu sein, wenn wir offen aussprechen: nur einzelne Individuen, nur eine ,ganz geringe Minorität würde dieser Forderung entsprechen. Aber, dadurch ist der Bev/eis erbracht, daß die Assimilation keine Schlechtigkeit, sondern unter den gegebenen Verhältnissen eine Notwendigkeit ist. Wenn wir also kommen und den Juden predigen, sie handeln schlecht, indem sie sich assimilieren, machen wir uns einfach lächerlich. Nicht viel mehr erreichen wir, wenn wir den Juden, wie Heß, vorhalten, daß sie einfach betrogen sind, daß sie tatsächlich, trotz ihrer Selbstverleugnung die von ihnen gesuchte Würde gar nrcht bekommen haben, daß ihre Emanzipation nur Schein ist, daß sie trotz aller Verfassungen soziale Parias sind. Wir erreichen dadurch deshalb nichts, weil wir da kein Amerika entdecken, denn der assimilierte Jude fühlt ganz gut die Falschheit der Emanzipation. Aber da er keinen inneren Glauben an eine andere Würde hat,- so läßt er sich, gern betrügen und benimmt sich, als ob die Scheinwürde echte Würde wäre. Er läßt sich betrügen, wie der unheilbar Leidende nach Morphiuminjektionen verlangt, die ihm eine scheinbare Euphorie verschaffen. Heilung kann man da nur durch den Glauben bekommen. Durch * M. H e ß : 1. c. Seite 14. Jbidem, 11—12. 63

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