Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1112869-9311769--403-1112942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
der liberalen Professionen und teilweise auf dem Gebiete der Industrie. Dagegen' fehlen sie auf dem Gebiete des Ackerbaues und in den Reihen der großkapitalistischen Industrie. Das drückt sich . auch in ihrer geographischen Verteilung aus. Die emanzipierten Juden Westeuropas, die ja die volle" Bewegungsfreiheit besitzen, haben sich nicht über das ganze Land gleichmäßig verteilt, sondern, sind Städtebewohner geblieben, und zwar hauptsächlich Großstadtbewohner. TDie Hälfte aller deutschen Juden wohnt in vier bis fünf Großstädten, die Hälfte des französischen Judentums befindet sich in Paris, das österreichische Judentum hat mit Ausnahme Wiens dieselben Wohnplätze wie vor der Emanzipation. Also nur teilweise Assimilation auf wirtschaftlichem Gebiete. Dieser entspricht die opportunistische Assimilation auf geistigem Gebiete. Das geistige Judentum hält sich nur insofern, als die Juden sich auch wirtschaftlich als besondere Gruppe fühlen. Eben deshalb bemerken wir von Zeit zu Zeit das Auf-, flackern nationaler Regungen, denn in Wirtschaft-' licher Hinsicht bilden die "Juden noch bis heute einen eigenartigen Organismus, wenn auch einen abnormen, da. ihm viele wesentliche Organe fehlen. Und das fassen manche Ideologen entweder als Schlechtigkeit seitens der sich assimilierenden Juden, oder umgekehrt als Beweis der Unzerstörbarkeit des jüdischen geistigen Nationalismus. Einer von ihnen stellte sogar eine eigenartige Theorie auf, als ob im Verlaufe der letzten 120 Jahre in der Geschichte der Juden alternierend Epochen von Humanismus und Nationalismus abwechselten (Dubnow). In Wirklichkeit konstatieren wir nur die stetig sich ausbreitende und vertiefende Assimilation. Daß sie in den letzten 5.0 Jahren nicht so radikal ist, als zur Zeit der Massentaufen ist nur die Folge dessen, daß sie heute nicht auf kleine Kreise beschränkt ist wie dazumal, sondern die breiten Schichten des Volkes ergriffen hat. Die Masse handelt aber niemals prinzipiell, konsequent, sondern nur opportunistisch, denn sie ist weniger aktiv, mehr passiv, und läßt sich viel eher vom Leben beeinflussen, als daß sie schöpferisch das Leben selbständig beeinflussen würde. Dieses aber bietet vorläufig nur eine partielle Assimilation auf sozialwirtschaftlichem Boden. Und dann, in Wirklichkeit 62 sind diese Taufen und Mischehen ..heute nicht minder häufig, als im ersten Viertel des XIX. Jahrhunderts, als eine Hälfte der Berliner Juden sich taufen ließ.. Nur ein Unterschied:. damals tauften sich nur Bankiere und künftige Professoren, heute tun , es auch Privatbeamte "und Dienstmädchen. Ein Volk ohne eigenen Boden, ohne eigene soziale Organisation und ohne feste geschichtliche Teleologie muß sich assimilieren. Es ist keine Schlechtigkeit, sondern eine Notwendigkeit. Und alle Versuche^ das Judentum im Golut zu stärken, können nur eine ephemere Bedeutung haben. V. Der erste, der'es zuerst vollauf begriffen hat, war Moses Heß, obwohl er noch in manchen Beziehungen sehr optimistisch gestimmt war. Wohl kämpft er gegen die Philippsohn's und Geiger's, wohl überschüttet er mit seinem Spott die Reformer, aber als soziologisch geschulter Kopf begreift er, daß die Zersetzung des Judentums — die Assimilation — ihre tiefen Wurzeln hat. „Nicht die Willkür der Menschen, sondern! die Macht der Verhältnisse habe das orthodoxe Judentum aufgelöst*". Darüber soll uns die Neuorthodoxie nicht hinwegtäuschen, denn auch sie enthält schon alle Keime der Assimilation. Wohl bewahrt sie die Form, aber der national-jüdische Geist fehlt ihr. Ihr Messianismus hat alle Attribute des Konkreten verloren und ist zum unsichtbaren Geist geworden. Die echte jüdische Orthodoxie der guten alten Zeit war tief national. Wollen sie einen Beweis? Noch im Jahre 1844 erklärte das Preßburger, Rabbinat öffentlich, die Juden dürften nur Palästina als ihr Vaterland betrachten**. Wo finden sie in Westeuropa solche konsequent denkende orthodoxe Rabbinen? Deshalb und nur deshalb verhält sich die Neuorthodöxie im großen und ganzen negativ zum Zionismus, unterstützt dagegen die echt assimilatorische Alliance israelite. Denn auch -die Neuorthodoxen sind Opportunisten geworden, die vor allem ihre Emanzipation gesichert haben wollen, denn auch sie betrachten sich nicht« mehr bloß als Gäste im Golut, die * Mos^s Heß: Rom und Jerusalem. Zweite Auflage. Seite 36. ** M. Philipp söhn: 1. c. Seite 279.