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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 61

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 61 (sequence 69)
Language
German
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sondern^weil er als Christ im sozialen Lebeiu. "*"*leicEter wird^ürchkömmen können, als wenn er BeimrJü3entume Bleibt. Nun, gerade die sozialen *Wterte des Judentums hat die Wissenschaft eines Rappoport, eines Zunz oder eines Luzzato gar nicht berührt. Auch sie haben das ganze Judentum auf eine Ideologie beschränkt. Die nationalsozialen Elemente unserer ganzen Geschichte und unserer geschichtlichen Teleolbgie haben sie völlig außer acht gelassen. Im besten Falle könnten sie ein System rein geistigen Nationalismus (wie es jetzt wieder der russisch-jüdische Schriftsteller Dubnow anstrebt) schaffen, der wohl für eine ganz kleine aristokratische Minorität passen würde, aber für die große Masse von gar keinem Werte sein könnte und sein kann. Nun hat sie es nfcht einmal soweit gebracht: ihr Nationalismus war auf die .Theologie beschränkt. Graetz, dieser nationalfühl ende, obwohl nicht nationalhandelnde Historiker, hat in seiner markanten Weise diese ganze Richtung wahrheitsgetreu charakterisiert, als er schrieb: „Sie hat nämlich tief eingreifende Irrtümer verbreitet, indem sie das Judentum zur Theologie, das heißt zu einer Kirchen- und Dogmenreligion gemacht und dessen Vertreter, die Rabbinen und Träger der Lehre, zu Geistlichen und Pfarrern gestempelt hat. Dadurch hat diese Richtung das Judentum eingeengt und das, was Jahrtausende überragte, in den Kreis der Erscheinungen von gestern herabgezogen" *. Der national Denkende wird diese Charakteristik mit realem Inhalte anfüllen und wird sagen: die „Wissenschaft des Judentums" konnte gar nicht , nationalisierend wirken, denn sie anerkannte den Golut mit allen seinen Abnormitäten. Sobald aber das Judentum die Hoffnung verloren hat, eigene Werte zu schaffen und eigene Würde auf eigenem, konkretem Boden zu erwerben, dann mußte es sich anpassen, assimilieren. Da hilft keine „Wissenschaft des Judentums", die vom Leben losgelöst, unvermeidlich zur Archäologie werden muß. Das hat eben die nächste Epoche bewiesen, als die deutschen Juden unter der Führung Gabriel Riessers noch energischer nach der neuen Würde, nach der Gleichberechtigung verlangten. Jedenfalls hat der edle * Graetz: I. c. Seite 503. Riesser diese Forderung nacfi Gleichberechtigung auf eine höhere Warte. gestellt, als alle seine Vorgänger. „Die Gleichstellung sollte als eine Sache des Rechts gewonnen und nicht als ein Gut durch Gegenleistung erkauft werden." Stolze Worte, aber die Wirklichkeit entsprach ihnen nicht. Als Riesser diese Forderung aufstellte, so geschah es im Namen der deutschen Juden, aber nicht der jüdischen Nation; er formulierte seine Forderung als deutscher Liberaler und nicht als Führer des jüdischen Volkes, er dachte an die jüdische Religion und cnicht an die jüdische Nationalität. Diese hat er geopfert, noch bevor er die Forderung formuliert hat, diese gab er tatsächlich hin als Gegenleistung, um das neue Gut — die Gleichberechtigung — zu erkaufen. Und offen gestanden: Riesser konnte anders nicht handeln. Das haben wir am besten jetzt gelernt — in Rußland, wo manche Juden glaubten, mit der Gleichberechtigung die nationale Vollberechtigung zu erlangen, und dabei nichts herauskam. Und die ganze „Wissenschaft des Judentums" hat noch mehr dazu beigetragen, daß Riesser eben das ganze Judentum auf das rein Religiöse beschränkt hat. Und trotz der stolzen Worte Riessers hat das deutsche Judentum auch vom Religiösen Brocken für Brocken hergegeben, um ja nur gleichberechtigt zu werden. Es begann das dritte Stadium der Assimilation, das wir am besten als das opportunistische bezeichnen können, wo man an der Form des Judentums festhält, dessen Inhalt aber mehr und mehr entleert wird. Das wahre Rätsel der opportunistischen Assimilation, wie sie heute fast in allen Ländern herrscht, ist nicht etwa von dieser oder jener jüdischen Ideologie hervorgebracht, sondern "wurzelt in den sozialen Bedingungen, unter denen die Juden allerortsleben, was man noch gar nicht beachtet hat. Die geistige Assimilation der Juden entspricht vollauf ihrer wirtschaftlichen Assimilation. Nicht mehr und nicht weniger. Die Sache verhält sich so: die Juden machen nur eine partielle wirtschaftliche Assimilation durch, aber keine vollständige. Sie sind auch heute noch nicht auf dieselbe Weise, wie die Christen, auf alle wirtschaftliche Tätigkeitsgebiete verteilt. Sie haben sich assimiliert auf dem Gebiete des Handels, 61

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