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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 60

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 60 (sequence 68)
Language
German
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söhn, der Hauptvertreter dieser Richtung, anerkennt wohl den Messianismus. „Sobald Israel die Messiaslehre aufgeben würde, würde es sich selbst, r seinen Zweck, seinen ganzen Inhalt aufgeben, denn diese Messiaslehre ist das Gebiet des Judentums, auf welchem es sich von seiner Individualität zur Allgemeinheit erhebt". Sehr schön, aber was versteht L. Philippsohn unter Messiaslehre? Das ist wohl die Hauptsache! „Die Hoffnung auf eine messianische Zeit ohne örtliche und persönliche Begrenzung"*, das ist ohne nationalen Inhalt. Mit einem Worte: die ganze Reformation in allen ihren Schattierungen ging von der Negation der jüdischen Nationalität aus und bezweckte nur die Konservierung „Deutscher mosaischen Glaubens". Der Golut als solcher wurde als bleibende und ewige * Erscheinung anerkannt und das bewirkten die faktischen Resultate der Reformation: sie wurde eine Durchgangsstation zur Taufe. Denn in dem Momente, wo man den Golut anerkennt, beraubt man sich aller Mittel, nicht bloß den Judaismus fortzuentwickeln, sondern auch das Judentum zu konservieren: sobald man .das jüdische Wesen nur als Ideologie auffaßt, die jeder adäquaten sozial-nationalen Unterlage bar ist, verurteilt man es zum Siechtum und zu schnellerem oder langsamerem Aussterben. Und so mußte die auf diesem sonderbaren Wege versuchte Rettung Israels fehlschlagen. Im Gegenteil: wenn sie auch manche Taufe aufgehalten hat, so hat doch die Reformation dazu beigetragen, den Assimilationsprozeß zu entwickeln, jedenfalls, indem sie ihm den Charakter eines Kompromisses verliehen hat. Form gerettet, Inhalt hinausgeworfen. Denn im Golut muß jede Reformation unbedingt zur Häresie werden. Das Christentum ist nicht •in Palästina, sondern in den griechischen Kolonien und - Städten ausgewachsen und nicht der palästinensische Christ, sondern Paulus des Golut ist sein Begründer. Spinoza im jüdischen Palästina — wäre ein großer Reformator des Judaismus geworden. Spinoza in Amsterdam — mußte als Häretiker betrachtet werden. Und so wird es allen Reformversuchen im Golut ergehen, sobald sie nicht vor allem damit beginnen, den Golut * M. Philippsohn: 1. c, siehe Seite 203 und213, sowie Kayserling: Ludwig Philippsohn. Viertes Buch. 60 selbst vollständig zu negieren. An diesem Fehler ging auch der zweite Versuch, das Judentum zu % stärken, zu Grunde. Wir meinen den Versuch; dessen Begründer Leopold Zunz, Abraham Geiger, Nachman Krochmal, Salomon Rappoport, David Luzatto, Salomon Münk waren; sie alle bezweckten die „Wissenschaft des Judentums" zu entwickeln. Sie alle suchten vor allem unsere Geschichte wissenschaftlich zu durchforschen, das wunderbar schöne Bild der Vergangenheit wieder lebendig zu machen, die reiche Fülle von Ideen und Grundgedanken, die in unserer alten Literatur enthalten sind, allen zugänglich zu machen, sogar das Studium um der Bibel selbst, die damals gerade zum Objekt der christlichen Kritik gemacht worden ist, zu fördern. Und trotzdem ... wo sind die Resultate dieser Riesenarbeit? Wir fühlen uns nicht berufen, über die theoretisch-objektive Bedeutung der Arbeiten aller dieser Männer ein Urteil zu fällen, noch ist es für unsere Aufgabe notwendig. Aber eins ist doch klar: die ganze „Wissenschaft des Judentums" hat keine jüdische Wissenschaft geschaffen. Heute sind die Kenntnisse des Judentums unter den westeuropäischen Juden noch in geringerem Maße vorhanden, als in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Im großen und ganzen war diese „Wissenschaft des Judentums" nur ein Mittel und'"kein Zweck: ein Mittel erstens, um den sich assimilierenden Juden doch das Judentum sympathischer erscheinen zu lassend'um dadurch sie von der Taufe zurückzuhalten; zweitens, um den „Goim" zu zeigen, daß~~wir doch keine Barbaren sind, daß wir doch mal was geschaffen haben. Es war ein Mittel zum^ZwedTTHH~äer Zweck war, unsere Lage im Golut zu verbessern, was an und für sich ganz verkehrt war, * denn, wenn die Christen uns nicht als gleichberechtigt betrachten wollen, so geschieht es nicht, weil sie uns für Barbaren halten, sondern im Gegenteil — weil sie uns nicht verdauen können, weil wir doch noch an Unseren geschichtlichen Werten festhalten. Von der anderen Seite wieder können wir einen Juden, der irgend eine Würde sucht, nicht von der Assimilation dadurch zurückhalten, daß wir ihm die Größe unserer Vergangenheit demonstrieren. Der Jude tritt zum Christentum über, nicht weil er es höher stellt als das Judentum,

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