Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 67)
- Language
- German
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tum zu retten, was zu retten war. Durch die "Reformation wollte man die Taufe überflüssig machen, um doch wenigstens den jüdischen Namen zu retten. Und als die Synagogen sich unter dem - Drucke der wirtschaftlichen Verhältnisse am Samstag leerten, so wollte man wenigstens am Sonntag die Juden zu gemeinsamem Gebet versammeln. Und auch der Grundgedanke war an und für sich richtig: das im Ghetto versteinerte Judentum bedurfte und bedarf einer Reformation. Und tatsächlich hat der Judaismus eine ganze Reihe von Reformen durchgemacht: das Prophetentum ist eine gewaltige Reform des ursprünglichen Mosaismus, Esra hat revolutioniert das prophetische Judentum, der Talmud hat den Esraismus vertieft aber auch verändert und die mittelalterlichen Rabbinen haben wieder den Talmud umgeändert, während'die Kabbala und der Mystizismus eine gewaltige Revolution des mittelalterlichen Rabbinismus darstellen. Das Judentum hat sich eben immer entwickelt, verändert und dadurch lelSensfähig gewesen. .Und auch jetzt bedarf das Judentum einer gründlichen Reformation. Aber soll diese lebensfähig sein, muß sie erstens auf geschichtlichem Boden fußen, und zweitens muß sie nicht bloß die Synagoge, sondern vor allem das jüdische Leben im ganzen als sozialnationale Erstem tfng'umäriderri. Ganz anders fiel die hauptsäcHi*ch~"Vön" den deutschen Juden im vorigen Jahrhunderte unternommene Reformation aus. Sie war in ihrer Wurzel faul, denn vor allem ging sie davon aus, daß der jüdische Gottesdienst „jedes national-jüdischen Gehaltes entkleidet " werden^ soll *. Und darin lag der Samen der furchtbarsten Zersetzung des historischen Judentums, was nicht bloß von den damaligen orthodoxen Juden, sondern von einsichtigen Reformern ^begriffen wurde. Moser, der Freund Heine's und Mitbegründer (mit Gans und Zunz) des Kulturvereines zur Stärkung des Judentums, schrieb damals: „In ausgestopften Rabbinen in Zoologischen Museen wäre noch mehr Judentum zu finden, als in den lebenden Tempelpredigern"**. Und der getaufte Heine hat noch bissiger die ganze * Philippsohn Martin: Neueste Geschichte des jüdischen Volkes. Bd. 1, Seite 158. ** Strodtmann: HeiWs Leben und Werke. Bd. 1, Seite 277, Reformbewegung kritisiert. Im Grunde genommen lief die ganze Reformation auf die Annahme der vorhin skizzierten Änderungen, die Napoleon I. anbefohlen und das Synhedrion gutgeheißen hat. Wir wollen da keine Geschichte der Reformation geben, denn tatsächlich ist ihr Einfluß auf das ganze Judentum ein sehr unbedeutender geblieben, aber um ihren Geist zu charakterisieren, wollen wir einige Daten hier vorbringen, wobei wir uns auf unverdächtige Zeugen berufen. Prof. Martin Philippsohn* charakterisiert die Ansicht Holdheims, eines der Führer der späteren Reformation, folgendermaßen: „Sein Hauptgrundsatz war Scheidung des Reinreligiösen im Judentume von dem Nationalen. Nur das erstere ist zu bewahren, das letztere abzrstreifen. Zu dem NationalerT rechnete er die Einsetzung des siebenten Wochentages als Sabbat, die Speise- und Ehegesetze, die hebräische Sprache beim Gottesdienst, den Messianismus". Was eigentlich da vom Judentum bleibt, mag der Teufel erraten, und trotzdem hielt man am jüdischen Namen fest! Darin liegt vielleicht die wichtigste Erkenntnisquelle des ganzen Wesens der Reformation. Man paßte sich in allem an, aber die letzte Schwelle, die zum Todesgrabe führte, wollte man nicht überschreiten! Ebenso verhielt sich der im Jahre 1842 in Frankfurt gegründete „Verein der Reform-Freunde". Sein religiöses Bekenntnis lautete: „ 1. Wir erkennen in der mosaischen Religion die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung (auch bis zum Christentum?). 2. Die gewöhnlich mit dem Namen „Talmud" bezeichnete Sammlung von Kontroversen, Abhandlungen und Vorschriften hat für uns weder in dogmatischer, noch in praktischer Hinsicht irgend eine Autorität. 3. Ein Messias, der die Israeliten nach dem Lande Palästina zurückführe, wird von uns weder erwartet, noch gewünscht. Wir kennen kein Vaterland, als dasjenige, dem wir durch Geburt oder bürgerliches Verhältnis angehören"**. Und nun täusche man sich nicht, wenn man uns kommt, die sogenannte „gemäßigte, historische Reformation" anzupreisen, wie Herr Prof. Martin Philippsohn in seinem zitierten Buche tut. Sein Vater Ludwig Philipp- * Ibidem, 1. c. Seite 204. ** Zitiert bei Karpeles: Geschichte der jüdischen Literatur. Bd. 2, Seite 1057. 5* 59