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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 58

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 58 (sequence 66)
Language
German
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f war nicht selbständiges jüdisches Leben zu schaffen, sondern nur den Judenhaß zu vernichten, was ja schon im Grunde opportunistisch war: gelang es nicht auf diese Weise den Judenhaß zu vertilgen, nun — so taufte man sich, was viel schneller zum Zwecke führte. Sobald man eben das Judentum nicht als selbständigen Wert betrachtete, sobald man nicht vom geschichtlichen Ideal des Judentums ausging, sobald man sich von dem Streben nach selbständigem, jüdischem Leben und Schaffen lossagte, so blieb vom Judaismus nur eine ideologische Schrulle, die höchstens einen antiquarischen Wert besaß. Und so mußte ein Gans sich taufen lassen, nicht bloß, weil er Professor werden wollte, sondern auch weil er Wolken nachjagte, denn sein Judentum war ohne organisches Leben. Und als die Christen immer größere Forderungen stellten, mußten diese Juden nachgeben. Wie wahrheitsgemäß beschrieb ein Jude diese Lage im Jahre 1804! „Der Jude hat sich seit zwanzig Jahren Mühe gegeben, sich den Christen zu nähern, aber wie wurde er aufgenommen? Wie manche Eingriffe hat er schon in seine kanonischen Gesetze getan, um sich euch (Christen) anzuschmiegen, aber — den Rücken kehrt ihr ihm zu aus lauter Humanität*". Aber diese Wehklagen halfen nicht. JKejn_Geringerer _als_ Fichte v erklärte den Juden den Kriege auf Leben und Tod — solange sie eben Juden bleiben. „Ihnen "(den j^en)T3ürgerrechte zu geben," schrieb er,_ „dazu sehe ich kein MitteTT als in einer Nachts, ihnen allen "die'Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische T3ee seirUm uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtesXand zu erobern und sie alle dahin ^zlT schicken**". Da spürt man schon den späteren Rassenantisemitismus, aber dazumal genügte noch die Taufe, um trotz Fichte einen neuen Kopf zu bekommen, obwohl in ihm noch manche jüdische Idee unversehrt zurückblieb. Und die Zersetzung ging schon so weit, daß sogar die Juden, die nicht den Mut besaßen, sich zu taufen, auf Mittel sannen, die Assimilation * Graetz: 1. c. Seite 265. ** Zitiert bei Graetz: 1. c. Seite 248—249. zu beschleunigen. Ein Königsberger Jude schlug vor: „Jeder Jude müsse von Staats wegen gezwungen werden, mindestens eine seiner Töchter an einen Christen zu verheiraten, und einen seiner Söhne um die Hand einer Christin werben zu lassen. Die Kinder aus einer solchen gezwungenen (!) Mischehe müßten getauft werden. Alle Juden sollen gezwungen werden, nicht rituelle Speisen zu essen*." Wirklich, die Auflösung des Judentums schien den höchsten Grad erreicht zu haben. Und trotzdem! . . Ist das nicht der beste Beweis der Felsenfestigkeit des Judaismus und des Judentums? Ist da nicht von Wunder zu sprechen? Umsomehr, als auch nachher das Judentum nicht den richtigen Weg beschritten hat, den von unserer geschichtlichen Tradition, von unserem Ideal des tätigen Messianismus vorgezeichneten Weg. Man blieb mit dem Golut verknüpft und versuchte zuerst sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen. Dadurch charakterisiert sich die nachkommende Epoche des national-jüdischen Wiedererwachens, die an und für sich sehr lehrreich ist und die von den meisten mißverstanden wird. IV. Auf zwei verschiedenen Wegen versuchte das westeuropäische Judentum die durch die Assimilation hervorgerufene Zersetzung aufzuhalten. Beide Wege haben verschiedene Ausgangspunkte, -wogegen ihre Resultate so ziemlich sich decken, insofern sie beide nicht zu einer wirklichen Renaissance des Judentums geführt haben. Chronologisch kommt zuerst in Betracht der Reformationsversuch. Es ist ja richtig, daß die erste -Reformation eines Jacobsohn oder des Hamburger Tempelvereins gerade in der Assimilation wurzelte: man wollte den jüdischen Gottesdienst an den protestantischen, die Synagoge an die Kirche anpassen, man versuchte bewußt den jüdischen Ritus aller seiner Originalität zu entkleiden. Aber man irrt sich ganz gewaltig, wenn man daraus den Schluß zieht, die Reformation sei bloß Assimilation. Die Reformversuche, -die ja von Jacobsohn bis Philippsohn manche Stadien durchgemacht haben, verfolgten noch einen andern Zweck: vom Juden- * Bei Graetz: 1. c. Seite 263.

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