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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 57

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 57 (sequence 65)
Language
German
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berechtigung, ihre wirtschaftliche Lage besserte sich rasch und die in die Reihen der Bourgeoisie Aufgestiegenen wurden aus frommen Juden die wärmsten Verbreiter der Assimilation, denn das Judentum alsGanzes war dazumal jedes Ideals bar: den objektiven Einflüssen der äußeren Umgebung konnte keine subjektiv-schöpferische Kraft des jüdischen Volkes entgegengestellt werden. Die morsche Ghettomauer mußte zusammenbrechen und mit ihr zerstieb die künstlich festgemauerte jüdische Volksseele. Das Ghetto war gut als temporäre Einrichtung, wenn vor ihm ein großes, hehres Ziel lag. Aber sobald dieses Ziel in die sehr ferne unsichtbare Zukunft entrückt war, da wurde das Ghetto zu eng, seine Luft war nicht mehr zum Einatmen und man begann auszureissen. So mußte die Assimilation triumphierend siegen, trotz aller guten Absichten Mendelssohns und der feierlichen Schwüre Isaak Berrs. Und je weiter, desto schlimmer wurde es. Die Annäherung an die Christen hat die Juden noch mehr mit den fremden Werten bekannt gemacht, während die national-jüdischen Werte im Schatten blieben. Deshalb haben die Epigonen Mendelssohns begonnen, konsequent sich mehr und mehr vom Judentum zu entfernen. Es begann die Christianisierung der Juden, wobei ebenfalls die Berliner Juden die Hauptrolle spielten. Es begannen die Massentaufen. Nach Mitteilungen von Graetz hat sich während der dreißig Jahre nach Hein Tolle Mendelssohns die Hälfte der Berliner jüHischen Gemeinde getauft. Sogar der alte Friedländer, das ist der Repräsentant des älteren Geschlechtes, das noch mit dem Talmud bekannt war, äußerte den Wunsch, zur protestantischen Kirche überzugehen unter der Bedingung, daß man ihm erlaube an die Göttlichkeit Christi nicht zu glauben. Selbstverständlich wurde er abgewiesen. Aber besonders breitete sich die Taufseuche von den Berliner jüdischen Salons, von denen wir vorhin sprachen, aus. Das Judentum verwandelte sich in eine veraltete, leere Religions-" form, die keine Würzein im Leben hatte, die nicht einmal die imposanten Formen des prachtliebenden Katholizismus besaß. Alle diese Salonjuden Hatten weder den tiefen Glauben Mendelssohns, noch die hebräischen Kenntnisse eines Wessely. Für diese verfeinerten Juden hatte das Judentum nichts mehr Anziehendes, während das Christentum, dank einem Schlegel, einem Schleiermacher gerade zu jener Zeit von einem Nimbus eines weltbürgerlichen Ideals umgeben war, wodurch alle vom Leben hervorgerufenen Gegensätze ausgeglichen werden könnten. Was Wunder, daß diese Juden sich massenweise taufen ließen. Da kann nur ein Spießbürger, der eben nur die Tatsache sieht, aber nicht ihre Unterlagen, von individueller Schlechtigkeit sprechen. Das waren Taufen aus idealen Motiven. Es kam aber noch ein schwerwiegender Umstand hinzu. Die rationalistische Gleichheitsmacherei dauerte nicht lange an. Recht bald stellte sich heraus, daß die Juden, wenn sie auch auf den größten Teil ihrer nationalen Werte verzichtet haben, doch noch einen Fremdkörper am Organismus des christlichen Staates bildeten. Und die Christen "begännen die vollständigste Assimilation zu verlangen, sobald die Juden die Gleichberechtigung verlangten. Noch -war man zum Rassenstandpunkt nicht gelangt, der sich erst viel später entwickelt hat, sondern man sah im Weihwasser das beste Mittel, aus den jüdischen Sauli christliche Pauli zu machen. Und die Juden, die nach neuer Würde lechzten, mußten einen Schritt weiter machen, als sie einsahen, daß man ungetauft doch noch "als Fr5n3ling betrachtet wird. Und was sollte sie zurückhalten? Das Judentum war leer und ohne treibendes Ideal. Und so wurde die Taufe zum Mittel nicht bloß für kleinere und. größere Stellenjäger, sondern auch für höhere Naturen, zu denen wir doch einen Gans, einen Börne, einen J3eine rechnen müssen. Dabei müssen wir noch kurz der näheren Umstände dieser Taufen gedenken. Eduard Gans war gerade einer der Begründer des „Vereines für Kultur und Wissenschaft des Judentums", dessen Zweck es war, „treu bei dem Judentume auszuharren, den Verlockungen der Kirche tapfer zu widerstehen, und so dem jungen Geschlechte ein leuchtendes Beispiel von Standhaftigkeit und Selbständigkeit zu geben*". Ja, aber im Namen welchen Judentums? Denn der eigentliche Zweck des Vereines * Graetz: 1. c. S. 438-439. 5 t 57

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