Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 63)
- Language
- German
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nicht den Mut, dem Zionsgedanken einen konkreten Inhalt zu verleihen, und somit verbargen sie die langersehnte Würde hinter dem Mantel des vom Himmel fallenden Messias. Und als sie Neues schaffen wollten, so brachten sie den Chassidismus hervor, der den blauweißen Himmel durch die schmutzige Erde und Gott durch den „Zaddik" ersetzen wollte. Ausgedörrt war die Schöpfungskraft des orthodoxen Judentums und es mußte im Kampfe mit Mendelssohn unterliegen. Denn Mendelssohn eröffnete den Juden den Schatz neuer Werte — wenn auch fremder — und versprach mit der Zeit eine neue Würde — wenn auch eine um den Preis der Volksseele gekaufte. Dank Mendelssohn erschien die erste Arbeit eines Christen, Chr. Wil. Dohms*, in der die Gleichberechtigung der Juden laut verlangt ** wurde. Und nach dieser Würde lechzte das ganze Ghettojudentum, das orthodoxe mit eingeschlossen. Somit mußte Mendelssohn siegen, und zwar nicht der Mendelssohn des Rationalismus, sondern der eine neue Ära unwillkürlich einleitende, die Ära der prinzipiellen Assimilation. Und es wäre Kinderei zu glauben, die Schlechtigkeit der jüdischen Millionäre habe dieses Resultat gezeitigt. Nein, die Leere und Dürre des geschichtlichen Judentums, wie es sich im XVIIL Jahrhundert kristallisiert hat, der Verlust des konkreten messianischen Gedankens — das hat die Assimilation ermöglicht. Nur wenige Juden verstanden die Sachlage und suchten durch eine Neuausgabe des. „Kusari" Jehuda Halevi's frisches Blut in den jüdischen Organismus hineinzubringen. Das genügte nicht. Durch ein Buch hält man den Lebensprozeß nicht auf, wenn diesem Buche keine Taten folgen. Mendelssohn mußte siegen. Die Assimilation begann. Die Formen, die sie angenommen hat, waren nicht von Mendelssohn bestimmt, sondern von den Lebensverhältnissen, wie es sich sofort während und nach der französischen Revolution zeigte. III. Wie wenig Mendelssohn die künftige Gestaltung der Assimilation voraussah, ersieht man am besten * Dohm: Über die bürgerliche Verbesserung" der Juden. 1781. aus dem Schlüsse seines Werkes „Jerusalem". Da schrieb er folgende bemerkenswerte Worte: „Wenn die bürgerliche Vereinigung unter keiner anderen Bedingung zu erhalten sei, als wenn wir von dem Gesetze abweichen, das wir für uns als verbindlich halten, so tut es uns herzlich leid, was wir zu erklären für nötig erachten: S o müssen wir lieber auf die bürgerliche Vereinigung Verzicht tun"*. Wir werden bald sehen, wie die Juden, d. L ihre damaligen Wortführer in Frankreich und Deutschland auf diese Bedingung reagiert haben. Die große französische Revolution hat der Judenfrage einen konkreten Inhalt verliehen. Wohl war sie auch vom Geiste des Rationalismus getragen und glaubte durch Dekrete Menschenrechte und Menschengleichheit zu schaffen. Aber der Rationalismus ließ sich doch beugen in bezug auf den Juden: da durfte er nicht vollinhaltlich angewendet werden. Die Emanzipation der Juden wurde zu einem Handelsobjekte. Man mußte vor allem die Frage entscheiden, für welchen Preis man den Juden die Gleichberechtigung verkaufen soll. Der Kaufpreis war noch während der Sturmperiode der französischen Revolution kurz und bündig bestimmt, sogar durch den wärmsten Verteidiger der Juden emanzipation, durch Clermont- Tounerre, und zwar: „Den Juden als Nation, muß man alles versagen, aber den Juden als Menschen muß man alles bewilligen", denn er behauptete: „II ne peut y avoir de nation dans la nation" **,*«me Nation innerhalb einer Nation darf nicht existieren. Also als vorläufiger Preis für die Emanzipation war der Verzicht auf einen großen Teil, der national-jüdischen Werte, und zwar auf denjenigen Teil, der den Kern unserer Volksseele ausmacht, ,weil er unsere einzige Daseinsberech-. tigung bildet, mit einem" Worte — auf unsere geschichtliche Teleologie. Aber schon zu jener Zeit schrieb eine konservativ-katholische Zeitung, die'gegen die Judenemanzipation war, folgendes: „Das Gesetz Moses' hat so miteinander Politik und Religion verknüpft, daß es dem Juden unmöglich sei französischer Bürger zu sein,, wenn ^Mendelssohn: 1. c. III., 357. ** Leon Kahn: Les Juifs de Paris, p. 42, Paris, 1898.