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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 54

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 54 (sequence 62)
Language
German
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war theoretisch kein Germanisator. Weder er, noch sein Freund und Mitarbeiter Wessely dachten an Germanisation der Juden. Im Gegenteil: sie wollten sogar die hebräische Sprache regenerieren, zu welchem Zwecke sie mit Hilfe der Friedländer aus Königsberg eine hebräische Zeitschrift „Meassef" (der Sammler) begründeten. An dieser Zeitschrift nahmen alle jüdischen „Aufklärer" aus allen Ländern teil, so daß es scheinen konnte, sie werde ein Vereinigungszentrum für alle Juden werden. Wenn das nicht geschah, so ist Mendelssohn daran nicht schuld: die Logik des Lebens ist immer stärker als der Wille einzelner Menschen. Tatsächlich diente diese „wiedergeborene" hebräische Sprache zur Verbreitung fremder Werte unter den Juden. „Nur die Sprache war hebräisch, nicht die Form, noch weniger der Gedanke. Darin unterschieden sie (die Dichter des ..Meassef1) sich von den spanischen Sängern, deren poetisches Empfinden von dem religiösen Grundgedanken des Judentums durchglüht war" *. Richtiger wäre zu sagen „von dem religiösen Grundgedanken und von der Zionsliebe", die den Meassef-Mitarbeitern abhanden gekommen ist. Und da man eben nur fremde Werte verbreiten wollte, so verzichtete man auf die hebräische Spraphe, sobald man den Hauptzweck auch ohne sie erreichen konnte. Die jüdische Bourgeoisie und die jüdischen Intellektuellen konnten sich die europäische Kultur auch ohne die Vermittlung der hebräischen Sprache aneignen.' Im Gegenteil: die Juden Berlins und mancher anderer norddeutschen Großstädte machten sehr rasch so große Fortschritte, daß sie schon zu Lebzeiten Mendelssohns zu Verbreitern der deutschen Kultur wurden. Die Berliner jüdischen Salons wurden bald zu Mittelpunkten des deutschen Denkens und Fortschrittes. Da, in diesen Salons, vollzog sich schnell die Assimilation der Juden mit den Christen — auf dem Gebiete der Vernunft**. Auf diese Weise brachten die Salons die ideologische Emanzipation der Juden, bevor sie die rechtliche, staatlich t m sanktionierte - Gleichberechtigung bekamen. Es waren die jüdischen Millionäre Berlins, Königst bergs und Hamburgs, die im praktischen Leben * Karpeles: 1. c/Seite 1083. ** Jul. Fürst: Henriette Herz. Berlin, 1858 und L, As sing: Aus Raheis Herz^nsleben. Leipzig 1877. •54 aller menschlichen Rechte beraubt waren, die diese Salons gründeten, in denen der Rationalismus alle Schranken zwischen Juden und Christen aufhob*. Auch die jüdischen Intellektuellen, geblendet vom Glanz der deutschen Philosophie und Literatur, begründeten solche Salons, wo sie eben nicht jüdische, sondern deutsche Kultur pflegten. Der Vertreter der ersten — der Millionäre, war David Friedländer, der Vertreter der Intellektuellen war Dr. Markus Herz. Das Resultat dieser Salons, die zweifellos unter dem Einflüsse Mendelssohns entstanden sind, war ganz einfach die Christianisierung der jüdischen oberen Zehntausend. Was Wunder, wenn die ganze Tätigkeit Mendelssohns von Anfang an die heftigsten Proteste des orthodoxen Judentums hervorgerufen hat. Schon seine Bibelübersetzung mußte diesen Protest hervorrufen, wie es nachträglich der gewiß nicht orthodoxe, aber national gesinnte Graeiz anerkennt. „Sie (die Rabbiner) und ihre Gesinnungsgenossen," schreibt er, „welche das Lesen eines deutschen Buches für eine schwere Süpde hielten, waren eigentlich in ihrem Rechte, sich der Neuerung zu widersetzen. Sie sahen voraus, daß die jüdische Jugend aus der Mendelssohnschen Übersetzung viel mehr die deutsche Sprache, als das Verständnis der Thora lernen werden, daß jene immer mehr zur Hauptsache, die Beschäftigung mit der heiligen Schrift dagegen zur bedeutungslosen Nebensache herabsinken und das Talmudstudium vollends verdrängt werden würde" **. Also — der Protest der Rabbinen war wohlberechtigt, denn zukunftsahnend, aber er war ohnmächtig und fruchtlos. Denn das orthodoxe Judentum jener Zeit konnte weder den neuerwachten Durst nach neuen Werten, noch das wohlberechtigte Streben nach Würde befriedigen. Das Rabbinertum war in seinem Schaffen gleich einer Wüste. Nicht einmal Kommentare zu Kommentaren schufen sie. Und der ganze Inhalt des prophetischen Judaismus ist ihnen abhanden gekommen. Der „Schulchan-Aruch" hat wie eine Mauer die ganze Größe des Judaismus eingeengt. Anderseits hatten sie * Martin Philippsohn: Neueste Geschichte des jüdischen Volkes. Bd. 1, Seite 53. Leipzig 1907. ** Graetz: Geschichte der Juden. Bd. 11, Seite 45. Leipzig 1870.

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