Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 61)
- Language
- German
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Selbstverständlich entwickelte sich die Assimilation nur langsam. Als ihren ersten Vertreter müssen wir Mendelssohn betrachten, obwohl er persönlich nie daran dachte und für sich ein sehr frommer, sogar nationalgesinnter Jude sein Leben lang blieb, der sich von keinem wesentlichen Attribute des Nationaljudentums lossagte. Das ist eine sehr wichtige Tatsache, die man nie aus dem Auge verlieren darf, wenn man das Wesen der Assimilation begreifen will. Mendelssohn, der sein Leben lang ein treuer Sohn seines Volkes blieb, war zugleich derjenige, der am meisten dazu beigetragen hat, das traditionelle Judentum der Vergangenheit zu zerschmettern und die Wiedergeburt des Nationaljudentums der Zukunft zu erschweren. Denn er war derjenige, der zuerst an der Kulturfähigkeit der jüdischen Werte zweifelte. Um seine Bibelübersetzung zu rechtfertigen, schrieb er: „Dieses ist der erste Schritt zur Kultur, von welcher meine Nation leider in einer solchen Entfernung gehalten wird, daß man an der Möglichkeit einer Verbesserung beinahe verzweifeln möchte" *. Um also die Juden kulturfähig zu machen, griff er zur Vermittlung der deutschen Sprache! Dabei konnte er in seiner Seele den jüdischen Nationalismus mit der Liebe zur deutschen Kultur vereinigen, eben weil er Rationalist war und im Zeitalter des Rationalismus lebte. Denn er wollte gar nicht aus den Juden Deutsche, sondern nur Weltbürger machen. Es war ja die Sturm- und Drangperiode des besten Teiles der deutschen Gesellschaft, wo auch die christlichen Intellektuellen nur den Weltbürger anerkannten. Die Zeit von Fichte mit seinen „Briefen an die deutsche Nation" kam erst viel später: damals glaubte man, daß nicht bloß die Juden, sondern alle Völker ihre spezifischen Eigenschaften verlieren müssen, um durch die gemeinsame Vernunftzivilisation ein geeinigtes Weltbürgertum zu bilden, in welchem alle Menschen gleiche Rechte besitzen sollen. Dieses Weltbürgertum behagte besonders den rechtlosen Juden, wie es der Biograph Mendelssohn naiv zugesteht. „Mendelssohn," (schreibt Kayserling**) „war, weil kein Staatsbürger, * Aus einem Briefe an von Hennings in Kays erlin g: Moses Mendelssohn, Seite 522. Leipzig 1862. ** Ibidem, Seite 270. wie Lessing und Kant, Schiller und Winkelmann, mit vollem Bewußtsein W_eJiJbü~r--g-e r." Schillers und Winkelmanns Nachkommen hat dieser Weltbürgertumswahn nicht geschadet: sie blieben gute Deutschen. Mendelssohns Nachkommen hat dieser Wahn das ganze Judentum gekostet, weil die Wirklichkeit keine Weltbürger, sondern Völker kennt. Nun aber hat derselbe Mendelssohn den Glauben an die Wiederherstellung eines normalen jüdischen Volkes zerstört. Als ihm ein „Mann vom Stande" 1770 ein Projekt zur Wiederherstellung eines jüdischen Reiches unterbreitete, wies er dieses Projekt als unausführbar zurück*. Deshalb mußte seine Aufklärungsarbeit ganz andere Resultate zeitigen, als er sie in seiner Theorie voraussah und herbeiwünschte. Das praktische Leben war folgerichtiger als der aufgeblasene menschliche Rationalismus. Wenn wir von der Theorie Mendelssohns zu seiner Praxis übergehen, so bekommen wir ein ganz anderes — ein wirkliches und nicht ausgedachtes — Bild. Da ist vor allem die Bibelübersetzung, die in der Theorie nur die Annäherung der Juden an die Kultur (ja, aber an welche?) herbeiführen sollte, die praktisch aber ganz andere Wirkungen hatte, wie es Mendelssohns Apologeten heute freimütig und niit Stolz anerkennen. „An der Hand des göttlichen Wortes sollte die junge Generation", schreibt Kayserling, „auch zugleich auf die Bahn der Nationalität geführt werden". Ja, aber welcher Nationalität? Darauf antwortet Kayserling: „Mendelssohn bemühte sich, sie (die Juden) durch deutsche Schriften für die deutsche Sprache und deutsche Nationalität zu gewinnen". Und weiter: „Sie (die Bibelübersetzung)... wurde die Erzieherin der jüdischen Jugend und machte sie empfänglich für deutsche Bildung und deutsche Nationalität"**. Und Karpeles faßt seine Meinung über Mendelssohn in folgendem Satze zusammen: „Mendelssohn wurde der Germanisator des deutschen und ein Regenerator des gesamten Judentums" ***. So einfach war die Sache für Mendelssohn selbst nicht. Er * Moses Mendelssohns Gesammelte Schriften, Bd. 5, Seite 492 passim. Leipzig 1843—1845. ** Kayserling: 1. c. siehe Seite 284, 302, 322. *** Karpeles: Geschichte der jüdischen Literatur, Bd. II, Seite 1061. Berlin 1886. 53