Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 60)
- Language
- German
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man am besten jetzt ersehen: in Rußland, wo der Glaube an den Rationalismus fehlt, ist auch nicht so leicht die Emanzipation der Juden zu erreichen. Und in der Schweiz, wo die Volksmasse, die sich niemals von rationalistischen Gründen, sondern nur von Instinkten leiten läßt, über alle wichtigen Fragen zu entscheiden hat, bekamen die Juden ihre Gleichberechtigung sehr spät — erst in den Siebzigerjahren des XIX. Jahrhunderts — und zwar unter dem Drucke fremder Mächte, hauptsächlich Napoleon III. Ganz anders war es in Westeuropa in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts. Da herrschte der gleichmachende Rationalismus. Die Folge davon war: die Juden müssen durch Verzicht auf ihre nationalen Werte den anderen gleich werden, dann mußte die Vernunft auch die gleiche Würde den gleichgewordenen Juden dekretieren. Die Rechnung war rein mathematisch. Und als das Leben allmählich die Falschheit der Rechnung aufdeckte, als es sich zeigte, daß man durch Verzicht auf einige Nationalwerte noch lange nicht gleich wird, da verlor man noch nicht den Glauben an den Rationalismus, sondern man begann noch stürmischer, von den eigenen Werten sich loszusagen, man begann sich vom ganzen Judentum loszusagen und durch die rationalistische Taufe das Gleichwerden zu beschleunigen. Und erst viel später begriff man, daß auch die Taufe kein souveränes Mittel ist, und müde des Kampfes, gab man sich mit einer relativen Assimilation und einer relativen Emanzipation zufrieden. Dieser Zustand dauert auch heute noch. Und wenn wir die ganze Geschichte der jüdischen Assimilation während der letzten 125 Jahre überblicken, so können wir drei Stadien unterscheiden. Erstens: das Stadium der Aufklärung (Haskala), die hauptsächlich an den Namen Mendelssohns geknüpft ist; in diesem Stadium erhofft man durch den Verzicht auf den sozialpolitischen Inhalt der national - jüdischen Werte die gleichmachende Würde zu erwerben. Als das mißlingt, beginnt das zweite Stadium des völligen Verzichtes auf das Judentum, das Stadium der Massentaufen in den oberen Zehntausend nicht bloß des Geldes, sondern auch des Geistes. Damals tauften sich nicht bloß die Mendelssohns und die Friedländer's, sondern auch die Börne's und die Heine's. Und als trotz alledem 52 der Hep-Hep-Ruf nicht aufhörte, begann das dritte Stadium, dessen Vorkämpfer Riesler war, und das durch ihre Halbheit charakterisiert ist. Das Judentum wird anerkannt, aber nur als liberale oder neu-orthodoxale Theologie, die keine Wurzeln in der Vergangenheit und keine Anknüpfungen mit der Zukunft hat. In Wirklichkeit ist es ein Stadium der langsamen Abbröckelung, wo das Leben in ein Dahinsiechen verwandelt ist, und wo statt Prinzipien praktische Rücksichten herrschen. Man tauft sich jetzt, aber es ist nicht mehr „ aristokratisch ". Übergehen wir jetzt zu unserem Tatsachenmaterial. i Die leitende Rolle im beginnenden Assimilationsprozeß der europäischen (und der amerikanischen) Judenschaft haben die deutschen Juden lange Zeit vom Anfang an innegehabt. Und das allein beweist, daß nicht die wirtschaftlichen Ursachen allein die Assimilation bewirkt haben, denn sonst müßte die führende Rolle den viel reicheren französischen und englischen Juden zufallen. Die sephardischen Juden Frankreichs und Englands assimilierten sich faktisch individuell unter dem Drucke der älteren Lebensverhältnisse und der inneren Zersetzung, aber sie stellten keine Prinzipien auf. Es waren die deutschen Juden, die die Theorie der Assimilation aufgestellt und popularisiert haben. Dieser Umstand bedarf einer Erklärung: warum gerade die deutschen Juden? Vor allem die allgemeine Umgebung: Lessings und Kants Deutschland hat so viel neue anziehende geistige Werte geschaffen, daß die Juden unbedingt davon beeinflußt werden mußten. Aber viel wichtiger war ein anderer Umstand. In Frankreich und England fehlte die jüdische Masse, in Osteuropa war die breite Masse — aber ohne Großbourgeoisie; nur in Deutschland waren beide Schichten nebeneinander vorhanden: die Großbourgeoisie mit den zu ihr gehörenden Intellektuellen einerseits und die breite jüdische Masse andererseits, wobei alle beide durch die Rechtlosigkeit gemeinsame Interessen hatten. Eben deshalb mußten die „führenden" Juden Deutschlands die Ideologie der jüdischen Assimilation schaffen, die sich dann weithin ausbreitete.