Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 51 (sequence 59)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1112869-9311769--392-1112931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

sitten des ^ris^tlichen; * Konkurrenten sich anzueignen. Und jemehr die wirtschaftliche Konkurrenz sicjix .eirtwi&elt, 'je mehr die Juden ihr f aktischesMohopol auf manchen Wirtschaftsgebieten zu verlierenbahnen, je enger es im Ghetto wird*—t desttf intensiver wird das Streben der jüdischen Gf&ßbourgeoisie, sich der herrschenden Kultur; Anzupassen, von sich die Zeichen der Abgeschlossenheit und der Ausnahmelage herabzuwerfenV rDiese wirtschaftliche Ursache-wirkt bis auf Jeoä^eutigen-Tag, obwohl das Leben neue", entgegengesetzte /Tendenzen während der letzten 30-Jahre aufzudecken beginnt. Aber trotzdem wäre fcs^" ein großer Fehler, wollte man die Assimilation und^die auf sie beruhende Emanzipation der^Juden ny auf eine wirtschaftliche Ursache. zurief ührenv/ wie es seinerzeit Marx getan hat*. Eine nicht minj^r^^wenn nicht größere Rolle spielte in" diesem Prozeß die'" geistige Ursache. tu Ende des XVJII. Jahrhunderts befand sich das -westeuropäische Judenttntf im Zustande der völligen Stagnation. Alle1" Quellen des nationaljudischen Schaffens waren versiegt. Nicht bloß keinen Jehuda Halevi, Gabirol, Maimonides, Ibn-Esra, sondern nicht einmal Kommentatoren der Kommentatoren Hatte dieses Judentum. Keine Dichter, keine Philosophen, keine Gesetzesausleger. Das Judentum konzentrierte sich in der Synagoge und im Cheder, die auf den alten, schon versteinerten Traditionen fußten. Die Seele aber* "regte sich nicht mehr. Die Masse kannte weder die nationale Sprache, noch die nationale Geschichte. Es blieb nur die Form ohivö- Inhalt. Die geschichtlichen Werte, die das Judentum während der langen Jahrhunderte des Golut ernährten und kräftigten, deren lebendigster Ausdruck der Messianismus war, begannen an „Anziehungskraft zu verlieren. Umso leichter konnten sich die Juden fremden Werten anpassen. Dazu gesellten sich noch zwei Momente: das Streben nach Würde, ohne die ein Volk auf die Dauer nicht existieren kann, und der schematische Rationalismus, der damals in ganz Europa herrschte. Solange die Juden an die Wiederherstellung der eigenen nationalen Würde glaubten, * K. Marx: Zur Judenfrage. d,. i. solange in ihnen der messianische Glaube stark war, konnten sie auf die momentane Würde verzichten. Nach der Rückkehr ins Heimatland, nach der Wiederherstellung des Zionstempels mußte ja die alte Würde wiederkommen. Aber nach dem großen Krach des Sabbatai Zwi begann sich dieser Glaube zu zerbröckeln "und somit aucäi die Hoffnung auf die Wiedereroberung eigener Würde in Palästina. Da mußte der große Durst nach irgend einer Wjürr»de zum Vorschein kommen* Das ist eben flas Streben nach Emanzipation, nach Gleichberechtigung, von dem fast das ganze westeuropäische Judentum in der zweiten Hälfte des^XVIII. Jahrhunderts ergriffen war. Aber die nicht mit eigenen Kräften „ erkämpfte Würde *ist ein Geschenk, das man verdienen muß. Und sofiiit ist die Assimilation zum Mittel geworden, die Emanzipation zu verdienen.."-ipas zient sich durch alle Manifestationen des; damaligen Judenlebens wie ein roter Faden. „Wir müssen uns der Emanzipation würdig 'erweisen!" ~lau¥eTe^ämals der allgemeine "Ruf in Israel. Ün3~üm"sich würdig zu zeigen, mußte man allgemeine Schulen gründen, die Abgesonderheit weglassen, mit einem Worte, man mußte „gleich den Anderen" werden. Die ganze Frage -war nun, auf welche nationale Werte das Judentum verzichten, und welche fremde Werte es sich aneignen muß, um sich der Gleichberechtigung würdig zu erweisen, d. i. um die geschenkte Würde zu verdienen. Dazu kam noch der Rationalismus. Damals herrschte die Vernunft, die man für allmächtig hielt. Man glaubte fest, daß die Vernunft irn stände ist, geschichtliche Traditionen mit einem Schlage zu vernichten, eingewurzelte Verschiedenheiten auszugleichen und die Würde zu dekretieren. Die Vernunft proklamierte, daß alle Menschen gleich sind, ergo brauchte man nur an die Vernunft zu appellieren, um auch gleich zu werden. Der Kationalismus führte dahin, daß man wirklich meinte, es genüge, aus den Gebeten das Wort Zion hinauszuwerfen, um Lokalpatrioten zu werden, um plötzlich den Ghettojuden in einen bodenständigen Franzosen oder Deutschen zir verwandeln. Welch große Rolle der Rationalismus in der Emanzipation der Juden *— der Hauptursache der Assimilation — spielte, kann 51

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.