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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 30

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 30 (sequence 34)
Language
German
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deren unvermeidliche schlimme Wirkungen zurückfällt. Worauf ist aber diese Ökonomie selbst zurückzuführen? Was zwingt den eigenwilligen Herrn zu seinem Urteil? Wer ist der eigentliche Kommandeur, auf dessen Befehl der eine Gegensatz den andern unterdrücken muß und unterdrücken kann? Ich muß mich da unwillkürlich an den ersten und bedeutendsten Vertreter der neuantisemitischen Theorie, Huston Stewart Chamberlain, erinnern, und zwar an seine Lehre vom jüdischen Willen. Der jüdische Wille ist ihm etwas übermächtiges, das auf Kosten der anderen seelischen Qualitäten, namentlich des Gemüts, der Einfalt, oder, wie er sich ausdrückt, der Frommheit, lebt und wirkt. Er ist ihm ein unheimlicher Wüterich, der in der jüdischen Seele alles kurz und klein schlägt, so daß eine Wüste zurückbleibt. Das ist nun freilich die Lehre eines Mannes, den es treibt, die Juden heillos schwarz zu malen. Soviel ist aber sicher — und man hat es schon vor Chamberlain gewußt — daß der jüdische Wille weit über das gewöhnliche Maß hinausgeht. Und der Gedanke liegt nahe, daß dieser jüdische Wille es sein könnte, der im Kampfe der Gegensätze in der jüdischen Einzelseele das entscheidende Wort hat. Allein der menschliche Wille ist wohl schöpferisch, aber niemals erste Voraussetzung der Tat. Selbst der Eigenwille und der Mutwille wachsen, wie übrigens bei näherem Hinsehen schon die Worte verraten, aus dem Boden bestimmter Empfindungen, Gedanken und Neigungen hervor, setzen einen gewissen Querschnitt der Seele voraus. Wenn also der Jude eine der in seinem Innern streitenden Parteien — diejenige, die sich sozusagen in der Minorität befindet — rücksichtslos niedertritt, so kann dabei der Wille als ausführendes Organ hervorragend beteiligt sein, der Antrieb selbst aber kommt von seiner seelischen Disposition her. Diese bestimmt den Inhalt seines Willens. In Hinsicht auf diesen Inhalt hat Martin Buber einem fruchtbaren Gedanken in einem schön geprägten Worte Ausdruck gegeben. Er spricht von dem „Wollen des Unmöglichen" als einem charakteristischen Merkmale der jüdischen Seele. Und es ist klar, daß sich ihm dieser Gedanke aus der Betrachtung der geistigen Entwicklung des jüdischen Volkes aufgedrängt hat. Tatsächlich begegnen wir da fortwährend Ideen, die zumindest nicht zu den leicht zu verwirklichenden gehören: Mehr als ein Jahrtausend hat sich das hebräische Volk vergeblich abgeplagt, seinen Staat mit einer staatswidrigen Idee zu beseelen. In gewaltigen Visionen haben die Propheten, namentlich Jesaias, das messianische Reich des Friedens verkündigt. Auf jüdischem Geistesboden ist, und zwar lange vor Christus, das christliche Ideal der Liebe — bekanntlich etwas von der christlichen Kirche, der christlichen Wirklichkeit grundverschiedenes — entstanden. Und heute wieder sind wir Zeugen eines alle Grenzen überschreitenden Interesses der Juden für eine Gesellschaftsordnung, die dem Ideal sozialer Gerechtigkeit entspricht. „Unmöglichkeiten" sind das freilich nicht. Streng genommen ist ja nicht einmal ein Umsturz in den Grundgesetzen des Weltalls, in den Beziehungen der Weltkörper zueinander undenkbar. Noch weniger ist ausgeschlossen, daß es einmal dem Expansionsbedürfhisse des Menschengeschlechtes gelingen wird, gewisse Weltwiderstände zu besiegen und von seiner 30

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