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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 29

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 29 (sequence 33)
Language
German
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Die Juden hören es nicht gerne, wenn von ihrer Schuld gesprochen wird. Kein Wunder! Man hat sie zu oft für Dinge persönlich verantwortlich gemacht, an denen sie auch nicht die mindeste persönliche Schuld trugen. Aber um der lieben Erkenntnis wegen sollten sie sich's doch nicht zu leicht machen mit der Erklärung ihrer Schicksale, insbesondere nicht alles auf die anderen schieben, sondern lieber auf eigene Mängel zurückgehen, deren äußere Ursachen im Nebel der Vorzeit verschwimmen. So hat es gewiß keinen Sinn, immer und immer zu wiederholen, daß die Römer es waren, die das jüdische Volk aus seinem Vaterlande rissen. Denn warum ließ es sich reißen? Warum nützte die unleugbare Tapferkeit nicht mehr, die es in der Entscheidungsstunde entwickelte? Weil die Römer zu übermächtig waren? Warum waren nicht auch sie mächtig geworden? Sollte sich nicht in ihrer Vergangenheit Schuld aufgehäuft haben? Wenn ja, was war das für eine Schuld? Wirkt sie vielleicht noch heute fort? Und wodurch wird sie tragisch? Zur Beantwortung dieser Fragen möchte ich auf eine Beobachtung verweisen, die, möglicherweise zum ersten Male, von dem berühmten Wiener Kanzelredner Dr. Jellinek gemacht wurde. In seinem Buche „Der jüdische Stamm" führte er in geistvoller Weise aus, daß die Juden ein Volk der äußersten Gegensätze seien. Dabei dachte er, wenn ich mich recht erinnere, — es ist schon mehr als ein Vierteljahrhundert, daß ich das Buch gelesen habe, und seither hatte ich keine Gelegenheit, es wieder zu lesen — an gegensätzliche Gesinnungs- und Gesittungsgruppen als Träger gegensätzlicher Geschichtserscheinungen. Wie recht er hatte, beweist ein Blick in die jüdische Gegenwart mit ihren übermenschlichen Helden und untermenschlichen Memmen, glühenden Enthusiasten und kalten Rechnern, starren Reaktionären und zügellosen Revolutionären. Aber für unsere Zwecke verwertbar wird diese Beobachtung erst durch eine zweite, die sich in scheinbarem Widerspruche zu ihr befindet, daß sich nämlich die Gegensätze schon in der jüdischen Einzelseele finden, oder richtiger, daß sie in der Menschenseele überhaupt zu Hause sind, aber in der jüdischen eine ganz eigene Art haben, sich gegeneinander zu verhalten. Das ist kein Kampf mit ein bißchen selbstverständlichem Gewährenlassen von beiden Seiten, kein wohltätiger Ausgleich wie dort, sondern ein Kampf auf Leben und Tod, der Kampf zwischen einen übermütigen Günstling und einem kühnen Mißliebigen, ein Kampf, in dem der eigenwillige Herr selbst das Urteil spricht. Der Mißliebige braucht nur den Mund zu öffnen, und der Günstling hat schon den Wink seines Gebieters weg, beginnt umso stärker zu schreien und schreit solange, bis der innere Gegensatz, anderwärts befruchtend und fruchtbar, im einseitigen Extrem mündet. Und alle die extremen Einseitigen scharen und schichten sich dann natürlich zu extremen Gruppen zusammen. Das Volk selbst wird zum Schauplatz des Kampfes extremer Gefühle und Stimmungen, extremer Eigenschaften, Meinungen und Unternehmungen. Die Geschichte bewegt sich in exzedierenden, statt in mäßigen Wellenlinien. Die natürlichen Gegensätze kommen nicht dazu, sich zu ergänzen und zusammenzubauen. Sie verpuffen in unfruchtbarem Gezänk. So sehen wir, wie es eigentlich die jüdische Einzelseele mit ihrer eigentümlichen Ökonomie der Gegensätze ist, auf welche die Verantwortung für die Gruppenexzesse und 29

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