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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 28

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 28 (sequence 32)
Language
German
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Die Tragik des jüdischen Volkes. Von MATHIAS ACHER. o ziemlich jeder fühlt, daß tragisches Schicksal und Unglück nicht gleichbedeutend sind, daß vielmehr das Unglück einer besonderen Qualifikation bedarf, um tragisch zu werden. Nur suchen die Meisten die Besonderheit auf dem unrichtigen Ende, — etwa in der Heftigkeit des Leids, in seiner Wiederholung, und in dem Gegensatze zwischen dem Schicksalsschlage und der freudigen oder erfreulichen Gelegenheit, bei welcher er den Unglücklichen traf. Im letzteren Falle liegt allerdings schon eine Ahnung der richtigen Fährte vor. Doch diese selbst führt über den Begriff der Schuld, — einer Schuld ohne Verantwortung, jener Schuld, die überall gegeben ist, wo jemand durch Anlage, Umstände, Zufall zu seinen Ungunsten belastet erscheint. Aber auch nicht jedes dermaßen verschuldete Unglück ist tragisch. Ein Trinker z. B., der Säuferwahnsinn kriegt und daran zugrunde geht, — ist kein tragischer Fall. Ebensowenig ein Dummkopf, der an seiner Dummheit scheitert. Zur Schuld, dem „Soll", muß noch das „Haben" hinzukommen, und zwar ein so bedeutender Aktivposten, daß seine Verdunklung durch die Schuld Schmerzgefühl auslöst. Wenn eine große Begabung im Fusel ertrinkt, wenn ein kleiner Verstand aus seiner engen Sphäre gerissen und vor große Lösungen gestellt wird, dann ist das tragische Moment gegeben. Was von einzelnen Menschen gesagt ist, gilt auch von ganzen Völkern. Hier ist Tragik mit dem Begriffe der Schuld innig verbunden. Und auch hier ist vom Begriff der Schuld derjenige der persönlichen Verantwortung abzutrennen. Es liegt also z. B. Schuld auch dann vor, wenn das Schuldkonto mit der Gewalttat eines anderen Volkes begonnen hat — daß man sie zulassen mußte, war ja schon Schwäche, Schuld — oder wenn stetige Einflüsse der äußeren Natur in grauer Vorzeit oder später die Seele des Volkes schuldig werden ließen. Und auch zur nationalen Schuld muß die leuchtende Folie großer positiver Eigenschaften hinzukommen, um das Tragische zu erzeugen. Wenn irgend ein unbedeutendes Renommiervölkchen, wie solche die neuere Geschichte des europäischen Kontinents hervorbrachte, Malheur hat, so ist das vielleicht für einzelne auserlesene Individuen des betreffenden Volkes, die an dessen Sünde mitschleppen, tragisch, für das Volk im ganzen aber bedeutet es durchaus keine Tragik. Wenn dagegen z. B. das Russenvolk trotz seiner ausgezeichneten kulturellen Qualitäten an seiner Oblomow-Natur siecht, dann ist das — tragisches Volksschicksal. Und tragisch ist auch das Schicksal der Juden. Was ist aber die Tragik des jüdischen Volkes? Was ist seine Schuld und welche Größe ist es, die von dieser Schuld benagt wird? 28

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