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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 20

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 20 (sequence 22)
Language
German
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dergestalt schafft, gleicht dem Schöpfer des Alls, von dem er diese Fähigkeit unmittelbar erworben hat. Nach zwanzig Jahren dieser selbstlosen Beschäftigung fiel er aufs Krankenlager und mußte das kleine Städtchen der Jeschibah verlassen, um sich in die Gastfreundschaft eines frommen Juden zu begeben, der ihn zu sich in die Berge lud, in deren balsamerfüllter Luft der müde Geist des Meisters wiederbelebt und sein morscher Körper aufgerichtet werden sollte. Er sah auf seinen Erdengang zurück — er konnte mit sich zufrieden sein. Alles war nach seinem Wunsch gegangen, alles nach einem zurecht gelegten Plan, eine gute Hand hatte ihn durch dieses Jammertal geführt. Allerdings eine Lücke war zu finden. Das Weib, das er in stillen einsamen Stunden in seiner Phantasie sich geschaffen, ward ihm nicht zuteil. Er hat Zeit seines Lebens mit keiner Frau Zwiesprach gehalten, er drückte keines Weibes Hand, keine Frauenlippe hat je seinen Mund berührt. Denn er War immer allein und verlassen, von seiner'frühesten Jugend her verwaist. Das Weib kannte er nur aus der heiligen Schrift. Sara war schön und deswegen ward sie von Pharao begehrt. Rebekka war schön. Auch die Rahel, um deretwillen Jakob zweimal sieben Jahre Frohndienste geleistet hat. Worin ihre Schönheit bestand, das wußte er nicht. Aber die sein werden sollte, sah er klar und deutlich in den Nächten. Er führte mit ihr wundersame Gespräche, empfand die Reize ihrer Schönheit und fühlte die Güte ihres Herzens. So sollte sie sein: schön und gut. Und weil er allein und einsam durch das Leben schritt, hatte er sich an Zeichen und Wunder gewöhnt, die er nach seinem Sinne zu deuten pflegte. Eine Katze, die seine Wege kreuzte, ein Vogel, der über seinem Kopf dahinstrich, war ihm Fingerzeig und Symbol. Er selbst versuchte den Schleier der Zukunft zu lüften und ihr Geheimnis dadurch zu erraten, daß er sich Zeichen errichtete und Geschehnisse vorausbedang, deren Eintreffen oder Ausbleiben maßgebend für seine Entschlüsse werden sollte. Da nun die ihm vom Schicksale vorbestimmte Gefährtin schön und gut sein sollte, mußte sie Scheindl-Gütel heißen. Das war das große Zeichen seines Lebens, unter dem er siegen wollte. Scheindl-Gütel . . . käme ihm jemand mit der Botschaft, er habe für ihn ein Mädchen gefunden, das diesen Namen trägt, so war sie für ihn vom Schicksal erkoren. Scheindl-Gütel — so sollte sie heißen. Wenn er in den Nächten von der Mühe des Lehrens ermüdet in seiner Kammer der Ruhe pflegte, lispelte er verzückt die beiden Namen vor sich hin, deren Trägerin ihm Erlösung bringen sollte. Scheindl-Gütel kam aber nicht. Die Vermittler, die sich bemühten, ihm ein Heim zu gründen, konnten kein Mädchen nennen, welches diesen Namen trug. Energisch, mit kurzen aber bündigen Worten wies er sie ab, ohne daß jemand hinter sein Geheimnis kam. So blieb das Weib, dem er inbrünstig nachjagte, nur ein Ideal, das er nicht zu erreichen vermochte. Wohl litt er unter der Not seines Fleisches in schwülen Sommernächten, wälzte sich 20

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