Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
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in unbekanntem Sehnen und namenlosem Weh auf seinem Lager, er wußte aber sein Geschick in großer Hingebung zu ertragen und wartete auf das Mädchen seiner Liebe, Und als die Mannesjahre verschwunden waren, sein Leib gebrechlich und sein Blut gelassen ward, ließ auch seine Sehnsucht nach dem Weibe nach. Hie und da dachte er mit Wehmut an die Zeit zurück, in der ihm die Liebe beglücken könnte, doch setzte er sich bald in der Erkenntnis der Vergänglichkeit alles Irdischen über diese Empfindung hinweg. In den letzten Jahren störte Scheindl-Gütel nur noch selten seine seelischen Kreise. Jetzt aber, auf dem Totenbette, ergriff ihn ein Weh nach dem Mädchen seiner Jugend. Es wäre doch schön gewesen . . , warum war es ihm nicht vergönnt. Gott der Schöpfer hat dem Menschen die Liebe geboten, warum war sie ihm versagt? Wäre sie gekommen, die Frau seiner Sehnsucht, sie ginge wie eine Leuchte durch sein Leben. Sie wäre die einzige Freude seines Daseins, der einzige Stern auf seinem Erdengange. Warum kam sie nicht? Warum durfte sie seine Finsternis nicht durchleuchten? Warum muß er sich in seiner letzten Stunde eingestehen, daß nicht einmal ein Hauch von Wärme durch sein Schicksal ging . . . Er empfand, daß sein Leben mählich schwindet. Das Herz pochte leise, kaum hörbar, wie ein müder Specht auf das Holz einer hohlen, alterskranken Eiche. Müde öffnet er sein gebrochenes Auge und blickt durch die. feuchte Scheibe seines Sterbezimmers. Draußen fallen keine Flocken mehr zur Erde, ein wilder Sturm zieht durch den Raum, wühlt die Schneemassen durcheinander, wirbelt sie im Getöse auf und schleudert sie im Orkan gegen den Himmel. Der Sturm pfeift und heult, die Bäume vor seinem Fenster geraten aneinander, wie Menschen, die im Augenblicke großer Gefahr aufeinanderstürzen, um Halt und Rettung vor dem Untergange zu finden. Es ist furchtbar anzuschauen . . . Das Auge fällt ihm zu, das Bewußtsein sinkt. Von weiter Ferne kommt ein Geigenton hergeschwebt, dem bald v/eitere Töne folgen, die sich langsam zu einer wunderbaren Symphonie vereinigen. In die sphärische Musik dieser Geigen schallen kindliche Stimmen voll süßer, ungeahnter Harmonie. Viele, viele Leute, unzählbar und unabsehbar, in Feiertagskleider getan, treten in die Erscheinung. Männer, Knaben, Greise, alle ihm bekannt oder gar verwandt. Seitwärts stehen die ehrwürdigen Gestalten der Patriarchen, die er sofort erkennt. Die große Menge wälzt näher und näher mit Pauken- und Trompetenschall, mit Jubel und Gesang. Da plötzlich tritt Stille ein. Alles verstummt. Er selbst sieht sich vor der Menge stehen, ohne die Bedeutung dieses Festes zu ahnen. Da teilt sich die Menschenflut, aus der Mitte tritt der Rabbi, der vor ihm die Jeschibah geleitet, und ruft mit kräftiger, weithin schallender Stimme seinen Namen. Alles schweigt still. Er verbeugt sich vor dem ehrwürdigen Greis, der segnend seine Hände über ihn breitet. Dann tritt sein Vater auf ihn zu und spricht deutlich zu ihm die Worte: „Mein Kind, empfange auch meinen Segen zu deiner Vermählung . . 21