Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
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H Sein letzter Traum, Von DAVID ROTHBLUM. Meiner Frau. leichen Antlitzes lager auf dem Bette. Nur die großen seelenvollen Augen zeugten vom Leben, das seinen welken Leib noch nicht verlassen hatte. Bewegungslos lag er da und ließ seinen Blick durch die feuchten Fensterscheiben in die weiten ungeahnten Fernen schweifen. Draußen aber fiel der Schnee in großen Flocken, die sich sanft zur Erde niederließen. Sein Leben war vollendet, der Kreis seines Schicksals durchlaufen. Eine Ahnung, deren Quell in seinem Herzen lag, raunte ihm unaufhörlich das große Geheimnis in die Ohren, daß seine Tage gemessen, seine Stunden gezählt seien. Der Tod stand mit bleibleichem Gesicht hinter seinem Rücken und erwartete ihn. Er empfand keine Furcht, kein Grauen, mit großer Ruhe harrte er des Augenblicks^ in dem er der Erde entschweben und in jene lichtvollen Höhen sich erheben sollte, die kein lebendes Auge schaut. Er sah durchs Fenster und blickte auf die dichten weißen Flocken, die vom Himmel kommen und zur Erde fallen. Bald werden sie auch sein Grab decken. Das ist das Ziel alles Fleisches, das wußte er, und weil er ein Jude war, kannte, sein Herz kein Bangen vor dem Tod. Plötzlich fiel es ihm ein, sein Leben noch einmal zu durchschauen. Vielleicht wird alsbald jene dumpfe Dunkelheit, die dem Tode voranzugehen pflegt, seinen Geist unversehens umfassen, ohne daß er in sich gegangen wäre, ohne daß er die Geschehnisse seines Lebens durchforscht und wegen der entdeckten Sünden Gott um Verzeihung gebeten hätte. Jetzt noch war es Zeit, seine Geschicke, seine Taten an sich vorüberziehen zu lassen und die verborgenen Winkel seines Herzens zu durchsuchen. Und die Tage, die Monde, die Jahre, die Jahrzehnte zogen an seinem geschlossenen Auge vorbei. Kinderjahre sonder Licht. Knabenjahre ohne die Sonne elterlicher Fürsorge. Jünglingsjahre im Bethhamidrasch verbracht, in dumpfen Hallen, unter staubigen Folianten. Dann kamen die Jahre des Mannes, der den großen Entschluß faßte, dem Leben zu entsagen und sich dem Studium der heiligen Schrift fürderhin zu widmen. Dieses Vorhaben führte er auch bis unmittelbar vor dem Tage aus, an dem er unter der Last der riesengroßen, in seinem Leben vollbrachten Arbeit zusammengebrochen ist. Er war der Leiter einer großen Jeschibah. Als ihm diese Ehre zu teil geworden, zählte er bereits dreißig Jahre. Er war unvermählt, stand ganz allein im Leben, er hatte nur eine Leidenschaft, die Tora. Zwanzig Jahre leitete er das Studium der ihm anvertrauten Jünglinge, ein Muster von Fleiß, von Hingebung, von Frömmigkeit und aufopferungsvoller Liebe zur Jugend. Das Lehren, pflegte er zu sagen, ist die höchste Stufe der Betätigung menschlichen Geistes. Wer lehrt, der schafft. Wer aber 19