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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1907-01-01 · 5668 = 1907/08 · p. Seite 145

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5668 = 1907/08
Date
1907-01-01
Page
Seite 145 (sequence 154)
Language
German
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starb, oder die Mutter ihn vergass? — wer weiss) — alles weint, auch das elende Lämpchen, das mitten in der Stube am dicken Balken hängt, und mein Vater geht in der Stube auf und ab und keine Träne zittert in seinen Augen. Damals aber hat er geweint. Ich will euch den ganzen Hergang erzählen. II. Mein Vater, müsst ihr wissen, sitzt den ganzen Tag im Beth-Hamidrasch und lernt die heilige Thora und meine Mutter steht auf der Gasse beim Stand und verkauft Schnittware und wenn just kein Jahrmarkt ist, geht sie mit der Ware in die Häuser und verkauft auf Borg. Da, zu Anfang des Winters war ein grosser Frost, wie ich mich erinnere. Die Mutter sagte dem Vater, ehe sie auf den Markt fuhr, er solle uns nicht zum Cheder lassen und nahm selbst die warmen Kleider aus der Kommode, bekleidete uns damit, nahm Abschied, gab jedem ein Zwei-Kopekenstück (mir ein „Fünferl“) und ist mit Notes Fuhrwerk auf den Markt gefahren. Die Mutter kam krank vom Markte zurück. Und von dem Tage an lag sie den ganzen Winter zu Bette und hustete. Mich schickte die Mutter in die Häuser um einzukassieren, und als der Vater dies erfuhr, war er böse, weil man mich vom „Cheder“ fernhielt. Einst kam ich bei Nacht vom Cheder nachhause und sah, dass die beiden kupfernen Kessel, die an der Wand gegenüber dem Herde zu hängen pflegten, fort waren. Ich wunderte mich. Aber ich wischte mir den Mund ab und schwieg. Ein anderesmal, als ich nachts vom Cheder heimkam, sah ich, dass die Uhr, „der Vater der Stube“, mit den beiden langen Ketten und den schwer herabhängenden Gewichten, nicht mehr da war. Das wurmte mich. Doch ich wischte mir den Mund ab und schwieg. Und als ich wieder einmal nachts aus dem Cheder heimkehrte, sah ich, dass der Hängeleuchter, der mit sechs Röhren gelötet war und das rote feiertägige Papier, womit der Hängeleuchter von einem Pessach bis zum andern beklebt war — dass dies alles verschwunden: da wurde ich tief traurig, setzte mich in einen Winkel und schwieg. Denn der Hängeleuchter, müsst ihr wissen, war uns wie etwas Lebendiges, wie ein Mitbewohner. Ein Hängeleuchter schwebt in der Mitte der Stube, blickt auf die Leute und erlebt im Stillen alles mit. Ist's im Stübchen fröhlich, ein Freitag Abend zum Beispiel, wenn die Mutter mit der Schabbeshaube bei Tisch den Fisch verteilt, funkelt der Hängeleuchter ganz anders; festlicher, sabbathlicher. Ist es traurig in der Stube, in einer Winternacht zum Beispiel, dann hängt der Leuchter und schweigt — und am Sabbath nach dem Essen,- wenn der Rabbi kommt, mich „verhören“ und ich vor dem Vater „Schiur“ sage und mitten drin eine Erklärung vergesse, werf ich nur einen Blick auf den Leuchter und der erinnert mich schon daran .... Und jetzt auf einmal ist der Hängeleuchter fort — nun ist’s, als wäre plötzlich ein Hausgenosse aus der Stube gegangen, um nimmer wiederzukehren .... in. Vor Pessach war es: die Feiertagswoche. Die Erwachsenen assen schon in der Küche, nicht in der Stube, und wir Chederjungen brüsteten uns, wer am Feiertag ein neues Hütchen tragen würde. Und traurig kam ich vom Cheder nach Hause. Alle Jungen haben schon Feiertagsgewänder und hungrig war 10 145

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