Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 155)
- Language
- German
- Belongs to
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ich auch, denn als ich Mittags nach Hause lief, war keiner daheim und die Mutter lag mit geschlossenen Augen im Bette, und erschrocken lief ich ins Cheder zurück. Ich kam nach Hause. Im Stübchen ist's still, das Lämpchen brannte am Tische traurig und nur für sich selber und schwarze Schatten glitten über die Wände. Mein Vater säss bei Tisch und wiegte sich singend über der „Gemarah“. Hinter dem Vorhang, der der Mutter Bett verdeckte, hörte ich Seufzer. Mein Brüderchen lag auf der Bank, das Köpfchen an den Tisch gelehnt und schlief, die Augen geschlossen, die Lippen geöffnet, das Händchen um des Vaters „Gemarah“ geschlungen, als ob das schwache Knäblein um Mitleid flehte: Verzeiht mir Leute, verzeiht mir, dass ich auch lebe, wie ihr. Ich stand am kalten Ofen und wartete auf etwas. „Leibisch, Leibisch, das Kind hat den ganzen Tag keinen Brocken im Mund gehabt“ seufzte die Mutter in ihrem Bette, Mein Vater hob den Kopf von der „Gemarah“, warf einen düsteren Blick auf mich und schaute dann nach dem Büchergestell, das wie verwaist von den übrigen Möbeln übriggeblieben war. Und ich stand beim kalten Ofen und wartete auf etwas. Plötzlich kam mein Vater auf mich zu: „Izchak’l! was habt ihr heute gelernt?“ Ich nenne ihm den Abschnitt. „Komm, nimm’ die Gemarah, Izchak’l, wir wollen sehen“. „Leibisch, Leibisch, was willst du von dem Kinde haben, es hat heute noch keinen Bissen gegessen“. Der Vater schaute mich an. „Izchak’l, bist wohl sehr hungrig?“ Ich schämte mich und mit gesenktem Blick gab ich zur Antwort: „Ja, Vater, sehr!“ Der Vater erhob sich vom Stuhl und ging in der Stube auf und ab. Seine schweren Tritte pochten wie Hammerschläge an meinem Herzen. Und ein Haar nach dem andern biss er sich aus dem Barte und Falte an Falte legte sich auf seine Stirn. Seine Stimme zitterte: „Weisst du Izchak’l, dass unsere Bücher heilig sind?“ fragte der Vater und schritt mit harten Tritten auf mich zu. Ich erschrak, antwortete aber nichts. „Geh’, ruf Schmaje den Trödler herein“, hiess mich der Vater. Ich gehorchte. Als ich mit Schmaje zurückkam, lag ein Tallis auf dem Fussboden ausgebreitet und mein Vater legte ein Buch nach dem andern darauf. „Nehmt die Bücher, Reb Schmaje, verkauft sie, sie waren mir lieber, als alles auf der Welt. Aber Gott weiss es, meine Kinder sind hungrig“ . . Und damals geschah’sü .... Eine grosse Träne trat dem Vater ins Auge, hing ein Weilchen an seiner Wange, zerlief in den Runzeln seines Gesichtes und verlor sich in seinem buschigen Bart. Und still wurde es im Stübchen, das Lämpchen qualmte still, versunken auf dem Tische. Mein Bruder, halb verhüllt im Schatten, schlummert am Tisch und ich habe mich in einen Winkel gestohlen, dort niedergehockt und nachgedacht: „Mein Vater hat geweint, wer weiss, ob das nicht meines Vaters erste Träne war?“ 146