Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 153)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
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Mein Vater hat geweint! Aus dem „Jüdischen“ von Schalom Asch. I. Mein Vater hat geweint. Ich selber habe es gesehen, wie sich eine Träne aus seinem Auge stahl, ein Weilchen auf seiner Wange hängen blieb, dann in den Runzeln seines Gesichtes zerrann und sich schliesslich in seinem dichten Barte verlief. Mein Vater hat geweint. Wisst ihr, wenn meine Mutter geweint hätte, hätte es mich nicht so stark ergriffen und mir das Herz beklemmt; aber der Vater! Der Vater hat noch niemals, niemals, sag’ ich euch, geweint. Auch damals nicht, als mein kleines Schwesterchen Rachele starb. Ich erinnere mich noch meines kleinen Schwesterchens, ein Königskind war es. Ein kleines rundes Gesichtchen, mit immer schmutzigen Wangen und doch hat die frische Röte auf den Wangen gefunkelt, gelacht und die grossen Äuglein waren tief und schwarz. Sie waren umrahmt von den roten schmutzigen Bäckchen und haben so schelmisch herausgelächelt, dass es mich mehr als einmal gelüstete, eine Stecknadel zu nehmen und tief, tief hineinzubohren in die Äuglein. Und noch heute, wenn ich dran denke, press’ ich die Augen zu und knirsche mit den Zähnen. Mein Vater kommt jeden Abend heim — er kommt vom Beth-Hamidrasch — und die Mutter steht im Winkel am Herde, der Rauch und Dampf her vor qualmt und der Vater setzt sich an Racheles Wiege, und blickt zärtlich und liebevoll auf das schlafende Kind. Es hat die Äuglein geschlossen, die Lippen geöffnet, weisse Zähn eben blinken und der Vater sitzt und schaut und spricht zu sich selber: „Mein Rachele, mein Leben . . . . “ Da wird das Schwesterchen krank und der Vater sitzt ganze Tage und ganze Nächte an der Wiege. Und plötzlich stirbt das Schwesterchen. Sie liegt am Erdboden auf der Streu, mit einem schwarzen Bahrtuch bedeckt; zu Häupten brennt ein Lichtlein und meine Mutter sitzt neben ihr und schlägt sich mit beiden Fäusten auf den Kopf und hadert mit Gott, [gelobt sei sein Name!] Und wir alle weinen — auch mein kleiner Bruder Josef, der in der Wiege liegt, weint mit (weil sein Schwesterchen Schalom Asch. 144