Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 147)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/10622931-10623253--344-10623076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Frül)Hngsna(t)t Aus dem Aebi-Zischen von Mordechai Zebi feierbel-g. Alt bin ich und grau, meine Schultern gebeugt, die Haare weiß und die Jugendkräfte schwinden und schwinden Nicht voll sind meine Tage, aber mein Herz ist erfüllt von Wehmut und Kränkung; nicht die Last meiner Jahre haben meine Schultern gebeugt, sondern die Last des Leidens und die Schwere des Lebens. Ich kann nicht weinen, nicht lachen. Versiegt ist die Quelle meiner Tränen, meine Gefühle sind erstarrt. Siehe, die Flüche der „Tauchochah" lasten auf mir und doch seufze ich nicht- Nur eines Abends erinnere ich mich. Ich war ein Knabe noch, lebhaft und empfindsam. Es war eine junge Frühlingsnacht. In meinem kleinen Zimmer brennt die Lampe mit düsterem Lichte. Auf dem Tische liegen Bücher in wirrem Durcheinander: Baba Kama, Kusari, Jore Deah, More Nebuchim, Rischis Chochmath und die Bibel. Auch unter den Kissen meines Bettes sind einige Bücher versteckt, die Bücher der Haskalah. Ein starker Schmerz bedrückt mein Gemüt sehr. Das düstere Licht ruft in mir düstere Gedanken wach und die vielen mannigfaltigen Bücher erwecken in mir seltsame Gefühle. Dann trete ich an das Fenster meines Zimmers und öffne es. Draußen Stille... Die Holzläden, die die Fenster bedecken, sind geschlossen. Nur hier und da fällt ein Lichtstrahl durch eine Ritze. Ein armer Handwerker, der noch an der Arbeit ist; oder es sitzt ein Bücherkundiger und lernt. Das „Haus, in dem keine Thora gehört wird, wird zur Abendzeit verödet und liegt einsam." Und wie milde ist dem Juden die Thora am Abend. Der strahlende Mond mit demvollen, kindlichen Gesichte schwebt auf dem blauen Meer und gießt sein weißes, liebliches Licht auf die Gaffe, flutet auf mein Fenster, bedeckt mein Gesicht, wie ich auf ihn schaue. Tausende von Sternen sunkeln und glänzen an der herrlichen Kuppel des Himmels. Und das Licht fließt in die Weite. . . . Der laue Wind bringt auf seinen Schwingen würzige Düfte in die Gaffe. Die Natur ist voll Grün, Leben und Ruhe. Die Schöpfung ist ein wunderbares Lied. Die Luft ist voll lieblicher Töne. „Lobet Gott, denn er ist gütig, ewig währet seine Gnade." Heilig . . . heilig .... heilig. Und da draußen in diesem Heiligtum keine Bücher, keine Rollen, keine Ideen, keine Philosophie, keine zusammengeschrumpften Gehirne und keine losen Gedanken. Einfach und heilig hat Gott alles geschaffen. Meine ganze Seele atmet die freie Luft und groß ist meine Seligkeit. Die Brust wird weit und das Herz pocht. Mein Blick verliert sich zwischen den Sternen, dem Monde und dem blauen Meere. Ach, mein Gott, mein Gott, wie herrlich ist Deine Welt! Wie groß ist die Freude, die Gunst und Gnade, die Du über sie in Deiner Weisheit ausgegossen hast. Wie herrlich ist das Leben in Deiner Welt, die Du geschaffen. Wie gut ist dieser Abend und wie angenehm ist es, zu leben und Wohlgefallen zu finden an einem solchen Abende unter Gottes Himmel. Und draußen in der Gaffe? Aber Deine Welt, o Gott, ist herrlich und heilig .... Ich sehe den Mond, der dort langsam am Himmel geht, sein Antlitz strahlt vor Freude und Liebe. Ich höre die wunderbaren Melodien, die blühen in dem geheimen Schatten des Ewigen. Ich sehe den Zauber, der sich in die Weite dehnt. 138