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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1907-01-01 · 5668 = 1907/08 · p. Seite 137

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5668 = 1907/08
Date
1907-01-01
Page
Seite 137 (sequence 146)
Language
German
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aufstellen. Das Grabdenkmal erträgt sehr gut einen milderen Stil und würde zuvörderst einen Kodex der zulässigen jüdischen Symbole zur Richtschnur haben. Der Architekt Wilhelm Güthlen in Wilmersdorf, ein Meister und eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der Grabmalskunst, ist meines Wissens der erste Künstler, welcher systematische Studien zur Schaffung des in Rede stehenden jüdischen Friedhosstils betrieben und auch die erste entscheidende Anregung dazu gegeben hat. Ich halte diese Versuche für so wichtig und aussichtsvoll, daß eine Skizze von Güthlen das Problem illustrieren möge. Da haben wir die patriarchalische Feierlichkeit, den strengen Geist des Altertums bei aller sinnfälliger Schönheit der Form, wie sie die heutige Zeit fordert. Die Gesetzestafeln und darüber das Gottesauge, wie man es in so manchen alten Synagogengiebeln erblickt, die feierliche Reihe der Kerzen, die geschickte Anordnung der Jnschrifttafeln, die als solche selber ornamental Mitwirken in dem ganzen Aufbau, und endlich die Bronzekränze, in welchen sich die Pietät der Kinder und Kindeskinder versinnbildlicht, das alles ist echt jüdisch stilisiert. Das alles sind Symbole göttlicher Hoheit und wirkender Ewigkeit, die ernst und versöhnend auf den Grabhügel herniederschauen. Endlich ist die Gestaltung des Bronzegitters in der Linienführung des Davidskreuzes gewiß auch jüdisch stilvoll. Natürlich giebt es noch viele andre Möglichkeiten und Varianten eines jüdischen Stils, in denen sich Güthlen des ferneren erfolgreich versucht hat. Heute handelt es sich indessen nur um eine Anregung zu neuartiger Kunstgestaltung. Schließlich noch die Frage, weshalb der Engel bis jetzt dem jüdischen Grabdenkmal vorenthalten geblieben ist. Im Salomonischen Tempel spielte der Engel nicht lediglich eine sakrale, sondern auch eine dekorative Rolle. Bei anderer Gelegenheit möchten wir doch den Beweis erbringen, daß die Engelsgestalt auf dem jüdischen Friedhof dem Fundamentalgesetz der mosaischen Religion nicht zuwiderläuft. Die herrlichste Frucht des Judentums ist stets opferwillige Wohltätigkeit. Nie, nie haben sie ihre Hand verschlossen, nie die Gabe geschmälert, nie uns entgelten lassen, was wir ihnen angetan, meine jüdischen Freunde, wenn ich für humane Zwecke Beiträge sammelte. Und ich gewann die Ueberzeugung, daß das Gebot des göttlichen Meisters von ihnen im schönsten und reinsten Sinne befolgt wurde, das da lautet: Segnet die, die euch fluchen, tuet Gutes denen, die euch verfolgen". Dieses Gebot aber ist christlich, ja recht eigentlich der Grundgedanke des Christentums und darum hätte auf alle das Wort des Klosterbruders: „Nathan, Ihr seid ein Christ — ein besserer Christ war nie!" Anwendung finden können. Ludwig Noirtz. Ich rechne den Antisemitismus zu jenen geistesbeschränkten und engherzigen Ansichten, die, wie der Teufels- und Hexenglaube, der religiöse Fanatismus, heiße er Reaktion oder Radikalismus, die Sozialdemokratie usw., aus einseitigen und antikritischen Standpunkten entsprungen zu beklagens- und verdammenswerten Verirrungen führen können. Die Verfolgung einer einzelnen Nation oder Konfession ist ebenso zu verurteilen, wie es die einseitige Lobeserhebung einer solchen und die daraus sich entwickelnde Verfolgung aller übrigen sein würde. Otto Henne am Rhyn. * * * Die Juden bilden einen wichtigen Zweig unserer legetimsten Vorfahren. Außer einer kindlichen Dankbarkeit sind wir ihnen auch eine Ehrenerrettung schuldig. Nachdem wir sie grausam verfolgt haben, versagen tvir ihnen nun die ehrenvolle Anerkennung, die ihnen dafür gebührt, daß sie die moralische, religiöse und soziale Revolution im Menschengeschlechte ins Werk gesetzt haben. F. Huet: tia Revolution religieuse aux dixneuvieme siede, Paris 1868. 137

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