Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 148)
- Language
- German
- Belongs to
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Groß und weit ist die Welt, und Freude und Sanftmut und heilige Lieblichkeit. Und draußen in der Gasse? Kramläden, Schenken, Bethäuser und Chedarim! Haben die noch eine Welt? Eine Welt von Mond und Sternen, von Luft und Licht, von blauen Himmeln und Frühlingsnächten, von singenden Vögeln und von dem Großen, das aus dem Lobliede spricht, von starken Gedanken und Vergnügungen der Seele? Da draußen in der Gaffe . . . .! Und meine Jugend hat nichts von diesen Freuden gekannt. „Die Anger sind voll Schafen und die Auen stehen dick mit Korn, daß man jauchzet und singet." Der Talmud, die „Bücher der Moral", die Satzungen waren meine Logik des Lebens. Ich habe sie gesehen, wie meine Gasse und den Markt. Die Psalmen, die Haskalah und die Wiffenschaft aber waren das Lied meines Lebens. Ich weiß, daß die Auen dicht mit Korn stehen und die Quellen in Bäche zwischen den Bergen rieseln. Sie tränken das Wild des Feldes, junge Löwen löschen daraus ihren Durst. Aber Thäler, Anger, Quellen, Bäche, Berge, ich habe sie nie im Leben gesehen. Ruhe ringsum. Lieder klingen an mein Ohr. Mein Herz wird schwer und schwül. Warum will ich weinen? Was wollen meine Tränen? Wie ist mir so weh! Wo ist meine Jugend?! Wo ist mein Leben?! Wo ist meine Welt?! O Gott.! Habe ich denn gewußt, was Jugend und Leben ist? Habe ich im Frühling meiner Jugend gefühlt, was jeder Baum, jeder Halm, jede Blume, jedes Gewächs, jede Mücke, jeder Wurm, jeder Vogel jetzt im Frühling fühlt! Und die Jugend, wie schön und gut ist sie! Aber vielen Menschen blüht kein Frühling .... Und da in der Gaffe? Vor dem „Tore" aber wacht das Leben, blühen die Jünglinge, sprießt der Baum, ist die Wange rot. Und das Leben in Deiner Welt, o Gott, ist gut und lieblich und voller Ruhe und voll heiligem Empfinden. Und in allen Herzen ist Freude und Eintracht, Glaube und Hoffnung, Gebet und Dank. Und viele Jünglinge fühlen die Macht der Liebe, und Lust und Freude am Leben. Leben, Leben, Leben, Leben . . . . o Gott! Und da in der Gaffe? Da in der Gaffe, da auf diesen Ameisenhaufen scheint die Sonne nicht, strahlt der Mond nicht, funkeln die Sterne nicht. Die Natur blüht nicht. Da auf diesem Ameisenhaufen Sturm und furchtbarer Kampf. Da kämpft Leben mit Leben um das Leben. Und die Liebe wird aus dem Herzen gerissen. Die Augen und das Herz, Vorzüge des Lebens in ihrer Herrlichkeit, sie sind so überflüssig und „Vermittler der Sünde". Wehe Dir, Deine Augen sollen nicht sehen und Dein Herz nicht gelüsten. Und was siehst Du auch und wonach trägst Du Verlangen hier in der Gaffe?! Der Rücken ist gekrümmt, das Gesicht fahl, die Wangen eingefallen, der Bart fpitz und die Stirne von Sorgen durchfurcht. Aber in den Augenhöhlen funkeln die Augen. Und Augen wollen sehen und können sehen! Und das Herz pocht in in bangem Sehnen. Aber fühlt denn der Wurm unter der Erdscholle, daß eine Handdicke über ihm sich Leben entfaltet und eine Welt voll Licht ist?! Sieh dort im Hindergrunde grünende Alleen. Hochragende Bäume, wie schön ist ihr junges Grün. Meine Augen lieben aus der Ferne, auf ihnen zu verweilen. Ich erinnere mich noch des Bildes aus den warmen Sommertagen. Mein Herz ist voll Schwermut, meine Gefühle steigen. Ich werde auf die Gaffe gehen. Einsam und allein will ich lustwandeln mit dem Monde in den grünenden Alleen. Ich ging auf die Gaffe. Da ist es still, so still. Mein Schwermut nimmt zu. Das Leben, die Natur, die Alleen, sie sind ja die Grenzwächter vor meiner Gasse! Von drüben schlägt das Bellen eines Hundes an mein Ohr. Die Gasse umfängt mich. 139