Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 135 (sequence 144)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/10622931-10623253--341-10623073- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
doch wohl die völlige Schmucklosigkeit und die alles nivellirende Kraft des Todes, die keinen Großen und keinen Kleinen kennt, der klassische Typus des jüdischen Friedhofs? Das scheint so und in der Tat bietet das Tal Josaphat dasselbe Bild wie die verlassenen mittelalterlichen Friedhöfe im Orient und Occident. Und nach diesem Bilde dichtgedrängter, schlichter Steinsäulen entwickelte sich die jüdische Friedhofskunst bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein. Errichtete man auch hier und da besonders gekennzeichnete Ehrengrabmäler, pries man auch berühmte Talmudisten durch eine sarkophagartige Tumbe mit kunstvoll gemeißelten Steintafeln zu Häupten und zu Füßen, so blieb doch das ganze Friedhofsbild in demselben steinstarrenden und strengen Charakter durch all die Jahrhunderte und Jahrtausende. Auch in Berlin haben wir in dem alten Friedhof an der Großen Hamburger Straße solch ein Beth Chlaim der überlieferten strengen Ordnung und die Stätte mutet wirklich wie ein Haus des Lebens an. In der ungewissen Beleuchtung einer Mondnacht hatte ich so eine Vision von tausend Gesichtern, die mit steinernem, starrem Ernst zu einer Gemeinde der Gläubigen versammelt und des Weltgerichts gewärtig sind. Wie anders aber auf dem neuen Berliner Friedhof in Weißensee! Wer die Stätte betritt, bekommt wohl einen Schreck vor dem Getümmel und Tohuwabohu der Granitungeheuer, die zum Gedächtnis der Verewigten Koloß an Koloß errichtet sind. Man kann nicht anders sagen, als daß man hier eine schmerzliche Enttäuschung erlebt. Auf keinem Friedhof in Deutschland tritt ein solcher Aufwand zu Tage, ein Aufwand, der fromme und ästhetische Gemüter gleich verletzt, denn es fehlt den ungeheuerlichen Steinprotzen fast durchgehends an der Weihe der Kunst oder des Todes. Nur ganz schüchtern melden sich erst die Anfänge einer echten und stimmungsvollen Friedhofs kunst, deren Entwicklung dem zwanzigsten Jahrhundert Vorbehalten bleibt. Gewiß, eine Wendung zum besseren Geschmack ist im Werden und hier wäre es angebracht, mit einer Betrachtung über jüdischen Stil oder jüdische Stilisirung einzusetzen. Daß ein neues Geschlecht den schlichten Brauch der Väter verlassen hat, ist keineswegs als Sünde oder Abtrünnigkeit zu betrachten. Nach der Emancipation der Juden verstand es sich von selbst, daß mancherlei Fesseln abgestreift und die engen Schranken aus den Jahrhunderten der Trübsal durchbrochen wurden. Da gab man denn auch die schmale Grabtafel auf und förderte einen Friedhofspomp, wie er den Lebensumständen des Verstorbenen angemessen war. Also man wurde dem Ideal aus dem Tal Josaphat untreu? Nein! Denn, wie sich heute noch feststellen läßt, hat die klassische Nekropole zu Jerusalem vor zweitausend Jahren entschieden mehr Ähnlichkeit mit einem modernen als. mit einem mittelalterlichen Friedhof gehabt. Geblieben ist von der Herrlichkeit allerdings nur die Legion der vermorschten Steinstümpfe, während großmächtige Mausoleen bis aus ein einziges in Trümmer gesunken sind. Die Angehörigen der unteren Volksklassen wurden am Oelberg in Reihengräbern unter freiem Himmel bestattet und jeder erhielt die bescheidene Steintafel, dagegen hatten die herrschenden Geschlechter und die altjüdischen Millionäre ihre Erbbegräbnisse und Familiengrüfte, welche durch mehr oder weniger prunkvolle Baudenkmäler bezeichnet wurden. Also genau so wie in Weißensee heutigentags. An den erhaltenen Ueberresten unterscheidet man noch eine Ehrenreihe im Tal längs des Baches Kidron und eine zweite Erbbegräbnisreihe auf der Höhe des Oelbergs, wo die Umfassungsmauer verlief. Die Familiengrüfte waren in der Regel Felsengräber und Katakomben mit weitverzweigtenGängen,Kapellen undKammern, die heute noch, soweit sie nicht verschüttet sind, besucht werden. Der Eingang zu diesen Patriziergrüften war natürlich architektonisch betont, in alter Zeit in phönizischem oder egyptischem Stil und später in hellenischer Bauweise. Es finden sich da noch hebräische Inschriften 135