Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 133)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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ein, die Wagen zu besteigen, es würde jeder den verlangten Rubel erhalten. Es entstand ein vielfältiges Lärmen und Schieben. Mit Geschrei und WeherufeN füllten sich die Wagen. „O weh, meine Hand!" rief der eine, „mein Fuß!", ein anderer, und ein dritter schrie: „Lehn' Dich nicht an meine gebrochenen Knochen!" Aber alle waren sie heiter, und einige begannen sogar Zn singen und zu tänzeln. Die kleinen Pferde zogen an, und der vielfältige, fröhliche Lärm fuhr zur Stadt hinaus. Die Gassenbuben schrien „Hurra!", warfen mit Steinchen und johlten unausgesetzt hinter uns. Aber den Armen schien es, als ob man sie mit Blumen bewerfen würde, und das Gejohle der Straßenjugend klang an ihre Ohren wie Musik, so glücklich fühlten sie sich in ihrer Siegesfreude. Es war das erstemal in ihrem Leben, daß sie befehlen durften, und ach! sicherlich das letztemal. Nachdem das junge Paar getraut war und von der goldenen Suppe genossen hatte, rüstete man zum Mahle. Man deckte die Tische für die Gäste, und daneben wurde ein eigener Tisch für die Armen gedeckt. Eisik selbst mit seinen nächsten Angehörigen bedienten sie und gaben ihnen von allen Speisen und Getränken, die die Diener für die Gäste auftrugcn. „Auf Euer Wohl, Reb Eisik! Daß Ihr Freude an Euren Kindern erlebt und ein großer Mann werdet!" riefen ihm die Armen zu, indem sie ihm mit gefüllten Gläsern zutranken. „Trinkt in Gesundheit und Glück! Gott möge allen Juden Helsen und auch Euch unter ihnen!" erwiderte Eisik. Nach dem Mahle umarmte Eisik alle Armen und tanzte mit ihnen. Seine Lustigkeit kannte bald keine Grenzen mehr. Die beiden Schöße seines Kaftans erhoben sich und flogen wie Adlerflügel um ihn, während er sich mit ihnen drehte. Seine Augen glänzten voller Rührung und vergossenen Thränen der Glückseligkeit und der Freude. Immer höher flogen seine Gedanken, und immer stürmischer wirbelt er dahin, indem er abwechselnd jeden einzelnen der Armen umarmte und küßte. „Brüder!" rief er stürmisch. „Laßt uns fröhlich sein! Laßt uns Inden -sein! Spielt, Musikanten, immer feuriger. Spielt!" Und die Bettler klatschten mit den Händen und drehten sich mit den Gästen nach dem Takt der heiteren Weisen. So verheiraten Juden ihre Töchter! So können Juden lustig sein! Es war eine altjüdische Hochzeit. . . . Der Atheist. Meyer Goldstein und Nathan Rosenblüt gehen in die Erörterung tiefer religiös-philosophischer Fragen versenkt, am Sonnabendnachmittag spazieren. Rosenblüt erweist sich hierbei als strenggläubig, während Goldstein immer mehr seine Freigeisterei bekundet- Bekümmert hört es der Freund und faßt endlich seine Hand: „Meyerleben", sagt er, „sags mir ehrlich: „Glaubst Du noch an Gott?" Meyer schweigt. — „Ich bitt Dich, sags mir! Ich frage ja nicht aus Neugierde. Meyer schweigt. Nathan wird zornig, dringt —- vergeblich! Meyer schweigt. Am nächsten Abend besucht Meyer Goldstein seinen Freund. „Nathanleben, heut kann ich dirs ja sagen: „Ich glaub' nix an Gott!" „Warum hast es gestern nix gesagt?" „Wo denkst du hin? Am Schabbes werd' ich doch so ein sündiges Wort nicht über die Lippen lassen!" * * * „So Herr ® öfter, hier ist mei Tochter! — Rebekkaleben stell dich grade, damit der Herr Dokter sieht, wie schief De bist." Verkannt. Fräulein Goldstein hat Geschichtsunterricht von ihrem eigenen Professor. Die Mama — die gnädige Frau Kommerzienrätin — ist bei diesem als Anstandsdame zugegen. „Wir kommen jetzt", sagte kürzlich der Professor, „zu Homer und den Homeriden —" „Ach, bitte," unterbrach ihn da die Frau Kommerzienrätin, „über solche unanständige Krankheiten wollen Sie meine Tochter lieber nicht unterrichten!" (Lustige Blätter.) * * * Gnt gegeben. Vor dem Moltkedenkmal in Berlin steht ein polnischer Jude. Zwei Offiziere treten hinzu und fangen zu mauscheln an, höhnisch lächelnd dreht sich der polnische Jude zu den Offizieren um und sagt: „Was machen Se mir nach, Herr Laitnant? Machen Se lieber jennem Molkte nach!!" Sprachs und verschwand. 124