Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 132)
- Language
- German
- Belongs to
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aber es ist eine Frechheit, Forderungen zu stellen. Nun ich habe das meine getan, aber wenn sie nicht wollen, muß man es lassen. Sie werden es bereuen, nicht alle Tage ist Hochzeit. Ja, wir wollen auf sie verzichten!" „Also soll die Braut schon sich fertig machen?" fragte der Schames. „Ja, sie kann .... nein, noch nicht, man soll noch warten." Die Gäste erklärten voller Zorn, daß man auf die Schnorrer verzichten solle. Eisiks Gesichtsausdruck batte sich verändert. Seine Erregung war gewichen, und mit demütigem Lächeln bat er mich und einige Freunde, in die Stadt zu fahren und nachzusehen was an der Sache sei. „Das ist ein Dummkopf, man kann von ihm nicht klug werden", sagte er, auf seinen Diener zeigend. Wir nahmen Wagen und Pferde und fuhren in die Stadt. Der Diener folgte uns auf seinem Pferde. „Ein Strike von Bettlern! Wie gefällt es Ihnen?" sprach einer zum andern auf dem Wege. „Ich habe von einem Strike von Arbeitern gehört, welche einen höheren Lohn für ihre Arbeit, oder eine andere Begünstigung fordern, aber ein Ausstand von armen Teufeln, von Schnorrern, die einen bestimmten Preis dafür fordern, daß sie ein gutes Mittagmahl und eine Geldunterstützung entgegennehmen, das ist wohl noch nirgends vorgekommen." In zwanzig Minuten erreichten wir den Ort. Auf dem Marktplatze inmitten des Städtchens standen drei große, mit frischem Stroh gefüllte Bauernwagen. Die kleinen Pferde waren vom Geschirr befreit und fraßen aus ihren Hafersäcken. Rings um die Wagen befand sich eine Kollektion von ungefähr hundert Bettlern, in der alle möglichen Gebrechen vertreten waren. Es gab Stumme, Lahme, Hinkende und Stotternde, die Mehrzahl jedoch war blind, und alle Gassenbuben und Müßiggänger der Stadt hatten sich um sie versammelt, um das Schauspiel anzusehen. Man lärmte und schrie wild durcheinander. Der Lahme saß auf einem der Wagen und schlug mit der Krücke auf die Wagenleiter, neben ihm stand der Hagere, den Hals mit einem roten Pflaster verbunden. Die beiden Rädelsführer sprachen zu ihrem Anhang — zu den Schnorrern. „Äha!" rief der Hagere, als er uns und den Diener auf dem Pferde bemerkte, „da kommen sie schon, um uns zu bitten." „Zu bitten!" bekräftigte der Lahme und schlug mit der Krücke auf den Wagen. „Weshalb wollt Ihr auf die Hochzeit nicht kommen, zur Festtafel?" fragten wir, „es erhält doch jeder ein gutes Almosen." „Wieviel?" fragten alle durcheinander. „Das wissen wir nicht, aber Ihr werdet nehmen, wieviel man Euch geben wird." „Wird man jedem einen Rubel zahlen? Sonst fahren wir nicht." „Dann wird die Welt untergehen!" höhnten die Gassenbuben. Die Bettler stürzten sich auf sie und warfen ihre Knüttel nach. Der Lärm wurde immer größer. Der Hagere bestieg einen Wagen, und erhob sich in seiner ganzen Länge. „Ruhig, Ihr wüsten Krüppel", schrie er alle an, „man hört ja nicht, was hier gesprochen wird. Gebt Ruhe, daß man weiß, was diese Männer sagen wollen." Und sich zu uns wendend fuhr er fort: „Es bleibt also dabei, meine Lieben, wie man Euch gesagt hat: Erhält jeder von uns einen Rubel, so ist es gut, sonst rühren wir uns nicht von der Stelle. Denn", fügte er hinzu, „wir wissen ganz gut, daß Eisik ohne Armenmahl feine Jüngste nicht verheiraten wird. Und woher sollte er jetzt andere Bettler nehmen? Um von Lunetz welche zu holen, ist es zu weit, und außerdem müßte er die Trauung aufschieben." „Glaubt man vielleicht, weil wir arm sind, kann man sich schon alles mit uns erlauben?" damit trat jetzt ein neuer Bettler hervor der sich bis dahin im Hintergründe gehalten hatte, ein Einäugiger mit einem Fetzen um den Mund. „Niemand kann uns zwingen, auf die Hochzeit zu fahren, selbst der Polizeimeister nicht, und auch der Gouverneur kann uns nichts machen. Wir fahren nur, wenn jeder einen Rubel bekommt!" „Einen R—Ru—Rubel!" rief ein Stotterer. „Einen Rubel!" näselte der mit der eingedrückten Nase. „Ein Rnbelchen! Ein Rubelchen!" schrieen zwei gutgelaunte Bettler. Aus ihren Rufen und Reden klang soviel ingrimmiger Trotz und Zorn, daß der ganze bittere Groll, der sich seit Jahren in ihnen angehäuft hatte, sich zu entladen schien. Ihr ganzes Leben lang hatten sie geschwiegen, mußten sie stl weigen und die Beleidigungen eines jeden hinunterschlucken, der ihnen einen Groschen oder ein Stückchen Brot mit einem abgeschleckten Knochen hinwarf. Jetzt aber war es das erstemal, daß ihre Galle reden durfte, jetzt dursten sie von demselben Vergnügen nippen, das sich sonst nur die Satten, die Reichen und die großen gegenüber ihren Dienern und Mägden gestatten dursten, das Vergnügen, Launen zu haben. In dieses vielgestammelte Wort „Rubel" ergossen sie ihr ganzes, verbittertes, verjammertes Bettlerherz. Das erstemal wurden sie gewahr, daß die Satten und Wohlhabenden auch ihrer einmal bedürfen, und deshalb wollten sie nicht nachgebeu, wollten sie unbedingt Sieger bleiben. Während wir so mit ihnen unterhandelten, kam ein neuer Bote von Reb Eisik und lud alle 123