Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 131)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Strike der Scbnorrer Aus dem jüdischen von M. Spektor (Warschau). Ich war zu einer Hochzeit geladen. Das war eine Hochzeit, bei der es keine dekolletierten Damen und Mädchen gibt, die nach Puder und Parfüm riechen, und keine galanten Herren in Frack und weißen Handschuhen, mit gewichsten Schnurrbärten und pomadisierten Köpfen. Eine Hochzeit, bei der man nicht nach einer gedruckten Karte merkwürdige Speisen aufträgt, die niemand munden, mit Namen, die niemand versteht, und bei der man schlechten Wein aus altertümlichen Flaschen mit neuartigem Schmutz trinkt. Es war eine jüdische Hochzeit, bei der Männer und Weiber dieselben Kleider tragen, in denen sie an jedem Sabbat in die Synagoge gehen. Eine Hochzeit mit Strudel und Honigkuchen, wo es gewürzten Fisch und Sabbat-Semmeln gibt, goldene Suppen, gefüllte Hühner und gebratene Enten, und bei der man guten unverfälschten Wein aus weißen, nüchternen Flaschen trinkt. Eine Hochzeit mit einem Armenmahl und mit allen guten altjüdischen Gebräuchen. Reb Eisik in Berkowe hatte auf allen Hochzeitenseiner Kinder ein Armenmahl gegeben und so lud er auch jetzt zur Hochzeit seiner jüngsten Tochter alle Armen aus dem Stäbchen Lipowetz zu sich ins Dorf, in dem er seit Jahren seinen Wohnsitz hatte. Es war bereits zwei Uhr nachmittags, die Trauung sollte bald stattfinden, und noch waren die Armen nicht erschienen, obwohl der Diener mit drei großen Wagen schon am frühen Morgen nach ihnen gesandt worden war. Weshalb kamen sie nicht? Die Gäste wurden ungeduldig. Endlich kam der Diener auf seinem Pferde dahergeritten, ohne Leute und ohne Wagen. „Warum allein?" rief ihm Eisik entgegen. „Die Bettler wollen nicht kommen," erklärte der Diener vom Pferd herabsteigend. „Sie wollen nicht?" fragten wir alle erstaunt. „Sie wollen nur unter der Bedingung kommen, daß jeder von ihnen einen Rubel erhält." Wir lachten alle auf. Der Diener fuhr fort: „In Lipowetz war heute eine andere Hochzeit, und da sie sich dort alle sattgetrunken und sattgefressen haben, sind sie jetzt frech geworden und wollen unsere Hochzeit nur besuchen, wenn man ihnen einen Rubel bezahlt. Am frechsten von allen benimmt sich der Krumme mit den Krücken, der Hagere, Feitel der Stotterer und Jekel mit der eingedrückten Nase, die anderen wären vielleicht gekommen, aber diese haben sie zurückgehalten. Ich habe eine Stunde lang mit ihnen debattiert und ich wußte keinen Rat. Endlich habe ich eines der Pferde genommen und bin gekommen zu fragen". Wir kamen alle aus dem Lachen nicht heraus, nur Eisik war erregt. „Hast Du mit ihnen nicht unterhandelt?" fragte er, „wollten sie nicht billiger?" „Ich habe mit ihnen mehr als eine Stunde gestritten", sagte der Diener, „und sie wollten keine Kopeke Nachlassen." „So? So teuer ist ihre Ware geworden?" rief Eisik mit bösem Lächeln. „Nun, weshalb hast Du die Wagen zurückgelassen? Wir werden auf die Kerle verzichten." „Ich wußte ja nicht, was ich tun sollte. Ich fürchtete, daß es Ihnen nicht recht sein wird, aber ich werde jetzt die Wagen holen." „Warte noch, es ist Zeit." Eisik begann mit den Gästen Rücksprache zu nehmen. „Was soll das heißen?" rief er. „Schnorrer haben bereits auch einen Willen, und wenn man ihnen ein gutes Mittagessen und ein Almosen geben will, so haben sie noch dreinzureden. Je einen Rubel soll man ihnen geben! Billiger machen sie es nicht! Ha, ha, ha! Und wenn man ihnen zwanzig Kopeken gibt, konveniert es ihnen nicht? Sie können es unter dem Einkaufspreis nicht lassen? Es ist eine Frechheit von solchen Hungerleidern! Nun gut, holl sie der Kuckuck, wir werden auch ohne sie fertig werden. Musikanten spielt auf! Wo ist der Schames? Die Braut soll sich fertig machen!" Doch gleich darauf besann er sich eines anderen. „Nein, wartet noch ein wenig, es ist Zeit .... Warum soll meine Hochzeitsfeier getrübt werden? Und gerade meine jüngste soll ohne Armenmahl in die Ehe treten .... Ich hätte ja gerne jedem einen halben Rubel gegeben. Wahrlich, es geht mir nicht um den Betrag, 122