Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 116)
- Language
- German
- Belongs to
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folg ist, daß sie bildungsfeindliche Gemeinden so umgestimmt hat, daß sie in Opfern für die vordem mißtrauisch betrachteten Schulen wetteifern. Dies Werk wird mit einem jährlichen Aufwand von etwa anderthalb Millionen Mark fortgeführt. Was der Zuschuß der in der angegebenen Weise bekehrten Gemeinden sparen läßt, das wird für neue Schulen in noch ferneren Ländern ausgegeben. Die jüngsten trauervollen Begebenheiten in Rußland und Rumänien haben darin nichts geändert. Die Leiter der AJU würden es für Sünde erachtet haben, die notwendige augenblickliche Hilfe für die unglücklichen russischen Glaubensbrüder aus den Mitteln zu schöpfen, die für unser Brüder im Orient bestimmt waren und gewissermaßen diesen gehören. Nein, die AJU hat an ihre Mitglieder in aller Welt, und nicht vergeblich, appelliert, um besondere Spenden für den besonderen Bedarf zu sammeln. Ihrer Gepflogenheit gemäß hat sie nicht blos für den Tag gesorgt. Zwar die Spenden zur Bekämpfung der Tagesnot fanden sofort bestimmungsgemäße Verwendung, nichts wurde thesauriert, nichts zurückgehalten — denn die Leiter der AJU waren und sind der Ansicht, daß sie Gelder, die ihnen zur sofortigen Verwendung für einen bestimmten Zweck gegeben worden, ihrem Zweck nicht vorenthalten dürfen. Dagegen sammelte die Alliance von ihren Freunden einen besonderen Russenfonds, der über etwa 200 000 Mark jährlich verfügt. Davon werden in Berlin etwa 40000 Mark ausgegeben. Die Leitung der AJU ist in Paris zentralisiert. Schon vor 34 Jahren war man der Meinung, daß diese Zentralisierung sichvielleicht als zuscharf herausstellenkönnte. Von Berlin kam die Anregung zu einer Dezentralisierung. Sanitätsrath Dr. Reumann in Berlin aber erklärte damals und fand damit allgemeine Zustimmung, daß uns vor allen Dingen die Betonung der Universalität not tue, daß ein Verband der Juden Deutschlands zu allgemeinem jüdischen Hilfswerk nur im engsten Anschluß an die AJU möglich und zulässig sei. Dabei ist es geblieben, auch als die Deutsche Conserenz-Gemeinschaft der AJU entstand, die sich anfangs vorigen Jahres (1906) neu konstituiert hat und eine Zusammenfassung der deutschen Mitglieder der AJU bildet. Die AJU zählt über 40000 Mitglieder, von denen mehr als ein Drittel in Deutschland sind, zwei Drittel dem deutschen Sprachstamm angehörig. Ihre Mitglieder wohnen in allen Erdteilen, und überall wo Juden wohnen, da ist ihr Wirkensgebiet. Die Deutsche Conferenz-Gemeinschaft der AJU hat ihr eigenes Organ, die illustrierte Monatsschrift „Ost und West", die allen Mitgliedern kostenlos zugehl. Auf diese Weise sorgt die Deutsche Conferenz-Gemeinschaft dafür, daß alle ihre Anhänger regelmäßig über das unterrichtet werden, was die Judenheit angeht. Daß die Gesamtheit der deutschen Mitgliedschaft der Alliance Jsraelite Universelle innerhalb dieser großen Gemeinschaft — sowenig wie der einzelne — ihr Deutschtum nicht vergißt, ist selbstverständlich. An der Spitze der AJU und der JCA steht Herr Narcisse Leven, eine der Zierden des Pariser Burreaus. Die Leitung der deutschen Konferenz-Gemeinschaft liegt in den Händen des Herrn Geheimrat L. M. Goldberger in Berlin, der durch sein Buch „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten" berühmt geworden ist, und des Herrn Charles L. Hall garten in Frankfurt a. M., dessen Name gleich dem des Amerikaners Peabody die Bezeichnung für einen Philanthropen geworden ist. Die AJU und die JCA sind die stolzesten Schöpfungen der Judenheit seit Beginn der Diaspora. Nicht um des Geldes willen, das sie gesammelt haben, sondern um des Geistes willen, der sie beseelt, um der Universalität willen, die sie nach Aufbau und Zielen und Zusammensetzung darstellen. Für jeden Juden und ganz besonders 107