Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 115)
- Language
- German
- Belongs to
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Rumäniens machten. Die Welt weiß, wie dieses feierliche Versprechen zur Lüge gemacht worden ist. Die Juden Rumäniens wurden — ein schmachvoller Handel! — verkauft, in des Wortes eigentlichster Bedeutung verkauft. Die Verkäufer hat Gottes Finger getroffen. Sie alle haben ihren Glanz überlebt, den Zusammenbruch ihrer Hoffnungen und ihrer Kinder gesehen. Eine Reihe von Jahren später erfuhren wir mit Entsetzen, das es in Europa ein Land gab, für das die Szenen von Damaskus aus dem Jahre 1840 eine tägliche Erscheinung bildeten. General Jgnatieff, dem die Türken den Namen des Vaters der Lüge gegeben haben, veranstaltete Judenverfolgungen ohne Gleichen und beschloß sie mit grausamen Verfolgungs- und Unterdrückungsgesetzen. Um diese Zeit kam dem Baron Hirsch der Gedanke, sein großes Vermögen der Befreiung der russischen Juden vom russischen Joch durch Förderung der Auswanderung zu widmen. Hunderte von Millionen hinterließ der große Philanthrop für diesen Zweck, mit dessen Ausführung er die Judenheit selbst betraute Und die Repräsentanz der Judenheit sah er in der AJU. Formalrechtliche Rücksichten erzwangen die Bildung einer besonderen Gesellschaft nach englischem Recht, der I C A. Doch der Präsident der ÄJU. ist der Präsident der JCA. und das Zentralkomitee jener ist mit dem Direktorium dieser ungefähr identisch. Satzungsgemäß darf die JCA kein Geld thesaurieren, muß sie das gesamte Aufkommen an Zinsen — gegen 11 Millionen jährlich — für die satzungsmäßigen Zwecke verwenden. Sie hat von Anbeginn geliebt, ihr Hilfswerk in Verborgenheit zu üben, und von diesem Grundsatz geht sie noch heute nicht ab. In aller Welt giebt es kaum ein einziges jüdisches Hilfswerk, das nicht von der JCA gespeist würde, ohne daß ihr Name dabei in der Öffentlichkeit genannt wird. Die JCA vermeidet es sogar, ihre Geschenke Geschenke zu nennen. Sie gibt ihnen den Namen von Darlehn. Alle in Deutschland befindlichen Hilfsinstitutionen für jüdische, russische Auswanderer bestreiten einen Teil ihrer Aufwendungen aus den Mitteln der JCA nnd der AJU, ohne daß ihrer überwiegenden Anteilnahme in der Firmierung jener Hilfsinstitutionen gedacht wird. Vielleicht ist es dieser edlen Verborgenheit in der Übung von Wohltaten zuzuschreiben, daß die Welt — die nicht daran gewöhnt ist, daß das Wohltun die Verborgenheit sucht — bei diesem Wühltun nach Zwecken gesucht hat und zu Charles Hallgarten, Frankfurt a. M. suchen fortfährt, die das Licht zu scheuen haben. Die Macht des Riesenkapitals hat etwas Unheimliches, und man will nicht leicht glauben, daß hier diese Macht nur der Bruderliebe dient. Doch ' die Werke jener beiden Gesellschaften liegen am Tage. Tausende von Quadratkilometern Landes hat die JCA in Argentinien erworben und russischen und rumänischen Auswanderern zur Verfügung gestellt — selbstverständlich mit anfänglich nur schwachem Kolonisationserfolge. Nur Kurzsichtigkeit kann der JCA. zum Vorwurf machen, daß ihr Kolonisierungswerk gleich dem großmächtiger Staaten Kinderkrankheiten zu überstehen hatte. Das andere Institut, die AJU, hat 134 Schulen in drei Erdteilen geschaffen und erhält sie. An mehr als 40000 Schüler erteilt sie Unterricht, gibt ihnen zumeist Nahrung und Kleidung, und ihr größter Er- 106