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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1907-01-01 · 5668 = 1907/08 · p. Seite 105

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5668 = 1907/08
Date
1907-01-01
Page
Seite 105 (sequence 114)
Language
German
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ihm auf diesem Wege gefolgt ist. Südamerika ist das gegebene Ziel der marokkanischen Juden. Vorher aber müssen sie spanisch lernen — und das ist für ihre Zurückgebliebenheit erstaunlich schwer, obwohl sie einen spanischen Dialekt sprechen. Ihre spanische Sprache ist nämlich so verkümmert, ihre Ausdrucksmittel sind so ärmlich, ihr Jdeenkreis ist so kläglich eng geworden, daß zunächst eine förmliche Ausschließung ihres Geistes notwendig ist. Doch auf diese Einzelheiten näher einzugehen, fehlt es hier an Raum. Nur das sei hervorgehoben, daß bei allen Arbeiten der AJU und bei allen ihren Einrichtungen einzig die Rücksicht bestimmend ist: was hilft unseren bedrängten Glaubensgenossen am besten und am schnellsten! Die AJU treibt keine Politik außer der der Wohltätigkeit mib Menschenliebe. Märchen sind es und Torheiten, daß die Alliance die marokkanischen Juden zu Franzosen mache, oder daß sie sie zu Deutschen machen solle. Nicht das eine noch das andere geschieht, denn weder das eine noch das andere würde unseren marokkanischen Glaubensbrüdern dienlich sein. Ein Schein, als beschäftigestchdie AJU mit Politik, ist dadurch entstanden, daß die Leiter der Allianceschulen fast im ganzen Orient zu tatsächlichen Vertretern der Interest en und Rechte der einheimischen jüdischen Bevölkerung geworden sind, und daß sie bei diesen verdienstlichen Bemühungen stets die Unterstützung der konsularischen und diplomatischen Vertreter Englands und namentlich Frankreichs gefunden haben. Frankreich hat damit die Sünde von Damaskus teilweise wieder wettzumachen versucht. Es ist aber unrichtig und ganz gewiß überaus unklug, daraus einen Vorwurf gegen die Alliance herzuleiten, als ob sie ein Organ der französischen Propaganda sei: Nichts hindert die deutschen konsularischen und diplomatischen Vertreter, dem großen Kulturwerk der AJU die gleiche Förderung angedeihen zu lassen. An dem gleichen Dank wird es dann nicht fehlen. Die AJU istaus dem jüdischen Gemeinsamkeitsgedanken geboren. Anfänglich vielleicht unbewußt, später bewußt betonte sie ihren universellen, ganz Israel umfassenden Charakter gegenüberdemChauvinismus, gegenüberdem Nationalismus, der überall unser Feind ist, unser erbitterter, erbarmungsloser Feind in jedem Lande. Der Nationalismus hat in bedauerlichem Maße Boden gewonnen und uns selbst hat er infiziert, so daß manche unter uns glaubten, es sei besser, wenn wir Juden untereinander uns national sonderten, um dann wieder aus den gesonderten Gliedern eine neue Gemeinschaft zu machen. — DaS ist eine Konzession an den Nationalismus, die überaus bedauerlich wäre. Wir wollen unsere ungeteilte Fahne behalten, wir wollen sie im Winde flattern lassen, vor aller Welt Augen, und sie nicht verhüllen. Es ist eine Torheit und beinahe eine Beleidigung, wenn man uns deutschen Juden zumulet, wir sollten unfern deutschen Patriotismus besonders unterstreichen. Wir deutschen Juden haben unfern deut- Patriotismus bewiesen, durch die ungeheuerlichsten Opfer bewiesen, die ein Mensch nur bringen kann, zu einer Zeit, als die Mehrzahl unserer andersgläubigen Landesgenossen vom deutschen Namen noch nichts wissen mochte. Uns deutschen Juden waren Freiheit und Menschenrecht aus der Fremde gekommen, und ohne Zögern haben wir zu den Waffen gegriffen gegen den Fremden, für das Vaterland, das uns immer ein Stiefvaterland gewesen und es nach beendetem Befreiungskampf aufs Neue wurde. Was wir in der AJU wollen, d as wollen wir als Juden, für Juden. Nationale Bekehrungspolitik treiben wir nicht und lassen wir in unserem Werk nicht treiben — und was wir von anderer Seite nicht dulden würden, das dürfen wir selbst auch nicht tun. Die AJU hatte fast 20 Jahre segensreich gewirkt, als sich ihr die Möglichkeit bot, für die bürgerliche Gleichstellung unserer Glaubensgenossen in Rumänien ihren Einfluß einzusetzen. Ihren Vorstellungen bei den Regierungen, die den Berliner Kongreß beschickt hatten, ist es zu danken, daß die Mächte die Gleichstellung zur Bedingung für die Anerkennung der Unabhängigkeit 105

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