Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 113)
- Language
- German
- Belongs to
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jüdische Haus- und Familienwesen die segensvollste Umgestaltung erfahren. Die vorzeitigen Eheschließungen, die Kinderehen, haben gänzlich aufgehört, Reinlichkeit und Körperpflege ist in die Häuser eingekehrt, die Körperhaltung ist aufrecht geworden, Mut und Selbstvertrauen haben die frühere Niedergeschlagenheit und die verächtliche Form der Demut verdrängt. Die Männer von heute, die als Knaben die Schützlinge der AJU waren, von ihr Geh. Rat Goldberger. kostenlosen Unterricht, Nahrung und Kleidung bezogen, sind zu dankbaren Kontribuenten der Alliance geworden. Sie stehen an der Spitze der großen wie der mitleren Warenhäuser und Geschäfte, sie sitzen als Klerks in den Bureaus der Anwälte und Notare, gehören selbst zu den angesehensten Anwälten und Ärzten. Ihre Lebensführung ist voller Behagen, und wenn etwas an ihnen zu tadeln ist, so ist es die schnell erwachte Neigung, den Ertrag ihres Fleißes in Putz und Prunk auf ihre Frauen zu verwenden. Sie freuen sich ihrer Bildung, deren materiellen Wert sie selbst erprobt haben, und beweisen das durch anerkennenswerte Opferwilligkeit. Die Gemeinve von Tunis — das ist Beweis ihres erstaunlichen materiellen Emporblühens und ihrer aufrichtigen Würdigung des Bildungswerkes — trägt jetzt zu den Lasten der Allianceschulen jährlich 40000 Francs bei. Hierin liegt die größte Leistung der Alliance, daß sie die armseligste Gemeinde zu solcher Opferfähigkeit und Opferfreudigkeit erhoben hat. Wenn die Überfüllung der Klassen zur Zurückweisung von Kindern zwingt, so ist das Anlaß zu förmlicher Familientrauer. Die Armen selbst, die zur Leistung eines Schulgelds außerstande sind, wollen anerkennenden Dank wenigstens dadurch zum Ausdruck bringen, daß sie an den hohen Feiertagen bei dem Segensspruch über die Thora eine Spende für die Schulen der AJU geloben. Und alle, reich wie arm, sprechen in ihrem Herzen und zu unserm Gott, wenn sie der glücklichen Besserung in ihrer Lage gedenken: — „Gepriesen sei, der die Zeiten wandelt!" Nicht ganz so weit, aber auf dem Wege zum gleichen Ziel ist das Alliancewerk in Persien und Arabien, in Syrien und Egypten, Konstantinopel und in der ganzen Levante. Indem die Allianceschulen ihren Zöglingen die Kenntnis wenigstens einer europäischen Sprache vermittelten, haben sie ihnen gleichsam ein Fenster zur europäischen Kulturwelt aufgetan und ihnen Überlegenheit gegenüber der umgebenden Bevölkerung gesichert. Äußere politische Verhältnisse haben dabei geholfen oder werden mit eifrigem Geschick genützt. Denn vielfach gilt es, dem vorhandenen Auswanderungsdrang die rechte Richtung zu geben, unter Umständen auch, ihn zu wecken. Seitdem Egypten unter englischer Herrschaft ist, strebt die junge jüdische Intelligenz Syriens dorthin als nach dem Lande der Freiheit. In Marokko ist die Dumpfheit, die auf dem größten Teil der jüdischen Bevölkerung lagert, noch zu groß, als daß dort der Gedanke an Auswanderung schon Wurzeln schlagen konnte. Dort ist das nächste Ziel der Erziehung, das junge Geschlecht auswanderungsfähig und damit auswanderungswillig zu machen. Denn die Leiter der AJU sind nicht der Meinung, daß unsere marokkanischen Glaubensbrüder in Marokko bleiben sollen, bis Se. scherifische Majestät sich von Barbarei abgewendet und zur Gesittung bekehrt hat und sein Volk 104