Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 112)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 1× ep/1048155
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Dabei war noch besondere Rücksicht zu nehmen auf die Vielgestaltigkeit der Eigenarten in den einzelnen Herkunftsländern, unter denen die Mannigfaltigkeit der Sprachen noch das geringste erschwerende Moment bildete. Auch darf man nicht davon ausgehen, daß etwa das einigende Band des Glaubens durchaus ein einheitliches Band war. Unmöglich konnte unter allen Zonen und unter der manchmal vollständigen Ablösung von dem lebendigen Urquell der Tradition, unter ihrer anderwärts im Laus der Jahrhunderte durch vollständigen Mangel an erläuterndem und läuterndem Unterricht eingetretenen, bis zur völligen Entstellung gehenden Trübung jenes Urquells auch nur annähernde Gleichmäßigkeit sich erhalten haben. Mit vorsichtiger Schonung mußte die Pflege der örtlichen Überlieferung mit der unseren, die auf ununterbrochene Fortpflanzung sich zu stützen das Glück hat, in Einklang gebracht werden. — Man braucht kein Pädagoge von Fach zu fein, um zu ermessen, welches Riesenwerk es war, unter solchen Umständen erst Lehrer für diese Schulen, dann Schulen für diese Lehrer zu schaffen. Alle diese Hindernisse hat die AJU überwunden; jede neue Schule der AJU begegnet geringerem Widerstreben. Denn die Segnungen sind greifbar deutlich geworden, so daß die beteiligte jüdische Bevölkerung jetzt bereits öffentliche Ge bete um die Errichtung von Alliancefchulen in ihrer Mitte veranstaltet. Gemeinden bewerben sich darum als um ein höchstes Glück, und die in dem Wettstreit obsiegende Gemeinde erhält aus weiter Umgegend wachsenden Zuzug. Das ist ein Triumph der Alliance. Vor allem aber ist es ein Ruhmeszeugnis für unsere Brüder, die eine Bildungsmöglichkeit nur zu erblicken brauchten, um ron glühender Bildungssehnfucht ergriffen zu werden. Hatte sich doch diese Bildungssehnsucht, dieser Wissensdrang mancher Orten für sie als Fußangel und Fallstrick erwiesen. Nicht selten haben Missionare im Orient, namentlich in Persien, ihr Missionswerk einzig dadurch wirksam gefördert, daß sie die Gewährung von Unterricht und Bildung zum Lohn der Taufe machten. Dieser Versuchung hat die AJU durch ihre Schulen ein Ende bereitet. Nach hartnäckiger Gegenwehr haben die Missionarschulen diese wunderliche Abart unlauteren Wettbewerbs einstellen müssen. — Hierbei muß mit besonderem Dank und vorbehaltloser Anerkennung der Allianceschulleiter und Lehrer gedacht werden, die in großer Mehrzahl ihrer vielseitigen Aufgabe mit Sachkunde, mit heiligem Eifer und mit nie versagendem Takt gerecht zu werden verstanden, zuweilen sogar mit der Diplomatie der Ehrlichkeit eine politische Mission im Nebenberuf erfüllten. Zu den Allianceschulen im Osten drängten sich neben den Kindern der armen Juden auch die Kinder der Großen des Landes, und die Gleichheit der Disziplin vor dem Lehrer predigte allen ohne Worte die Heilslehre von dem Recht, das mit uns geboren ist, von den Menschenrechten, die droben hangen, unveräußerlich und unzerbrechlich. Das Musterland der Wirsamkeit der Allianceschulen ist Tunis, Musterland deshalb, weil dort die ältesten Allianceschulen sind. Vor 30 Jahren noch waren die Juden von Tunis die Parias des Landes, die Ärmsten unter den Armen, hygienisch vernachlässigt, ohne Bildung, ohne Erwerb, verachtet. Durch ihre Schulen hat die AJU einen vollständigen Umschwung veranlaßt. Das ganze jetzt erwachsene Geschlecht besteht aus Zöglingen der tunesischen Alliancefchulen, und die Parias von ehedem sind nun das Salz des Landes, die Repräsentanten der Bildung, der Kern des wirtschaftlichen Aufschwungs, die Verkörperung des gedeihlichen Fortschritts. Durch die Allianceschulen haben die Juden von Tunis nicht blos Lesen und Schreiben, sie haben Leben gelernt, ein menschenwürdiges Dasein gewonnen. Das ganze weibliche Geschlecht, vordem absichtlich und grundsätzlich jedem Schein von Bildung ferngehalten — es war fast, als ob man Wissen mit fraulicher Tugend unverträglich glaubte — hat an dem Unterricht teilgenommen, und dadurch hat das ganze 103