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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1907-01-01 · 5668 = 1907/08 · p. Seite 89

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Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5668 = 1907/08
Date
1907-01-01
Page
Seite 89 (sequence 98)
Language
German
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IRI
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dankenswerter Weise eine Abstellung der Mißstande vorgenommen. Sie haben den vom Hilfsverein und seinem „Zentralbureau für jüdische Auswandererangelegenheiten" in Berlin an allen Grenzstationen aufgestellten Vertrauensleuten den ungehinderten Zutritt zur Kontrollstation ermöglicht. Die maßgebenden höheren Behörden haben sich mit diesem Verfahren einverstanden erklärt, so daß jüdische Auswanderer in der Lage sind, vorkommendenfalls Beschwerden anzubringen und um Abhilfe und Auskünfte usw. die Vertrauensleute anzugehen. Diese Einrichtungen des Hilfsvereins haben sich außerordentlich bewahrt. Es sind dem jüdischen Auswanderer dadurch erhebliche Erleichterungen ermöglicht worden, andererseits wird auch den Schifffabrtsgesellschaften infolgedessen die Abwicklung der Geschäfte erleichtert, und sogar die Verwaltungsausgaben der behördlichen Organe sind durch diese Einrichtung vielfach gefördert worden. Es ist bereits oben bemerkt worden, daß die Auswanderer von der Grenze in besonderen Wagen nach den Seehafen weiterfahren. Auch dort bleiben sie dauernd unter Ueberwachung. In Hamburg ist es den Herbergswirten polizeilich untersagt, russische Auswanderer in Logis zu nehmen. Alle aus Rußland kommenden Emigranten müssen in die von derHamburg-Amerika- Linie errichteten „Auswandererhallen". Diese befinden sich seit dem Jahre 4 902 auf der „Veddel", sie wurden mit einem Aufwand von H/2 Mill. Mk. erbaut und nehmen eine Flache von 25 000 qm ein. Die Lage ist so gewählt, daß die Auswanderer auf einem besonderen Bahnhof ankommen und so eingeschifft werden, daß sie die Stadt nicht zu berühren brauchen. Die ganze Anlage ist nach dem Pavillonsystem erbaut, nicht nach Kasernenart, und die einzelnen Gebäude sind im Pavillonstil aufgeführt; sie haben Zentralheizung und elektrische Beleuchtung und sind mit allen Bequemlichkeiten der Neuzeit ausgestattet. Es ist dafür gesorgt, daß alle Abwasser aus den Auswandererhallen, bevor sie in die Elbe stießen, desinfiziert werden, damit keine Krankheitsstoffe in den Elbfluß kommen, der Hamburg mit Trinkwasser versorgt. Die Wege zwischen den einzelnen Gebäuden sind mit Bäumen bepflanzt und die ganze Anlage macht einen äußerst gefälligen Eindruck. Für jüdische Auswanderer gibt es eine jüdische Küche, die unter streng ritueller Aufsicht steht, für das religiöse Bedürfnis ist weiter gesorgt durch eine Synagoge, in der die jüdischen Auswanderer ihre Gebete verrichten. Immer sind Sangeskundige unter ihnen genug, die die Vorbeterolle übernehmen. Nicht minder fürsorglich sind die Einrichtungen in Bremen. Hier kann jeder Auswanderer sich in jedes beliebige Privatlogis begeben. Die jüdischen Auswanderer finden eine jüdische Herberge, die gleichzeitig eine koschere Küche und Speisesale aufweist. Die Auswanderer sind dort in reinlichen, luftigen Zimmern untergebracht und bekommen eine gute und nahrhafte Kost. Auch in den Hafenstädten Bremen und Hamburg sorgen Komitees des Hilfsvereins der Deutschen Juden für die Bedürfnisse und den Schutz der jüdischen Auswanderer. Es kann nicht geleugnet werden, daß das System, die Auswanderer von ihrer Ankunft an der Grenze bis zur Besteiung des Schiffes unter fortwährende Kontrolle zu stellen, sein Gutes hat. Sie können dadurch leichter vor gewissenlosen Personen, die sich an sie herandrangen, geschützt und vor Ausbeutung bewahrt werden; ihre Unerfahrenheit kann ihnen nicht allzugroße Schädigungen bringen, sie bleiben vor mancher bitteren Erfahrung verschont. Aber gerade der jüdische Auswanderer empfindet die fortdauernde Ueberwachung und Bevormundung als einen lästigen Eingriff in die freie Selbstbestimmung. Aus welchen Gründen immer er seine Heimat verlassen haben mag, zu seinem Entschluß hat stets auch 68

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