Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 94)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/10622931-10623253--291-10623023- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
soviel laßt sich sagen, daß das Resultat dieser Wanderungen neben der Verstärkung der bereits bestehenden Ansiedlungen in Asien und Afrika, die Siedlung der Juden in Süd-West und Mitteleuropa war. Im Ausgang des zehnten Jahrhunderts war eine gewisse Ruhe eingetreten, namentlich in Europa, wo sich die gesamte Judenheit in zwei große Zentren teilte, in ein sephardisches Zentrum inSpanien und ein aschkenasisches vornehmlich in Deutschland. Am Ausgang des elften Jahrhunderts aber mit dem Ausbruch der Kreuzzüge setzt die dritte große Wanderung ein, deren Umfang schon erkennbarer und deren Richtung sichtbarer für uns vorliegt. Die blutigen Verfolgungen der Juden in Deutschland und in Mitteleuropa nahmen ihren Anfang und die langen Wanderzüge der gequälten Juden ziehen ihre blutige Straße nach dem Osten. Die Zeit des schwarzen Todes um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts brachte einen neuen Ausbruch der fanatischen Leidenschaften und wieder flüchteten Tausende vor Dualen und Tod. Das Zentrum der aschkenasischen Judenheit ist nun vernichtet und langsam kristallisiert sich aus den Resten der Flüchtlinge um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Polen, Rußland, Böhmen, die „osteuropäische Judenheit" heraus. Den sephardifchen Juden ging es nach einer herrlichen Blütezeit nicht besser. In den Sommermonaten des Jahres 1462 mußten nach sehr geringer Schätzung 300060 Juden ihre spanische Heimat verlassen. Die aschkenasischen Juden, die in Polen eine Zufluchtsstätte gefunden hatten, mußten iy2 Jahrhunderte später wiederum zum Wanderstab greifen, als die rohen Horden Chniehitzki's mordend und sengend über sie herfielen. Auch im 18. Jahrhundert hören die Wanderungen nicht auf, aber wenn sie auch bedeutend genug sind, um unsere ernsteste Beachtung zu verdienen, so verschwinden sie doch hinter der großen Wanderbewegung unserer Tage. Unsere moderne Maffenwanderung beginnt mit dem Jahre 1881. Seit jener Zeit bis heute haben rund 1 750000 Juden ihre Wohnsitze gewechselt, darunter 1400000 aus Rußland. Die blutigen Massakres in Rußland, die 1881 ausbrachen, und die im Jahre darauf erfolgende Beschränkung des Wohnrechts der Juden, vernichtete zahlreiche Existenzen. In großen Massen wandten sich die bedrohten Juden nach Amerika. Seit jener Zeit ist die jüdische Auswanderung ein Gradmesser für die Wucht der Schläge geworden, mit denen unser Volk durch grausame Gesetze und Verordnungen, durch feindseelige Volksstimmungen und ungünstige wirtschaftliche Entwickelung bedacht wird. An der Zahl der Einwanderer, die jenseits des Ozeans landen, kann die Größe von Rot, Elend und Unterdrückung der Juden mit Leichtigkeit abgelesen werden. Das Jahr 1891 bezeichnet wiederum einen Höhepunkt der jüdischen Auswanderung. In diesem Jahr zog der russische Despotismus durch erneute Verschärfung der Bestimmungen über das Wohnrecht den engen Kreis, in dem sich das obendrein wenig freie Spiel der Kräfte entfalten durfte, für die Juden noch enger. Dies und neue Hetzen des Pöbels jagten wiederum Tausende übers Meer. Die Scharen dieser Heimatsucher aus Rußland werden erheblich verstärkt durch unsere jüdischen Volksgenossen aus Rumänien und Galizien. Dort raubt eine judenfeindliche Gesetzgebung den Juden die Möglichkeit auch der beiderseitigen Existenz, hier zwingt die ungünstige ökonomische Entwickelung die Juden zum Verlassen des Landes. Die Not der jüdischen Massen steigert sich von Jahr zu Jahr, die Auswanderung wächst ins Riesenhafte. Eine ziffernmäßig genaue Angabe der Höhe der jüdischen Auswanderung ist nicht zu erhalten. Seit dem Jahre 1899 veröffentlicht das amerikanische Einwanderungsamt die Zahlen der einwandernden Juden. 85