Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 90)
- Language
- German
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lastungSproben" fehlt es den Juden nirgends. Ueberall haben wir besonders schwer um das Dasein — in manchen Ländern buchstäblich um das Dableiben — zu kämpfen, überall müssen wir doppelte Mühen aufwenden, um neben dem Nichtjuden zu bestehen. Trotzdem leiden die Juden des Ostens dauernd unter bitterer Leibesnot oder unter der Pein, sich an der Erfüllung selbst der niederen Lebens¬ und Strebensbedürfnisse gehindert zu sehen; die Juden des Westens müssen allerlei Beschränkungen und Kränkungen dulden, verpuffen die besten Kräfte ihrer Seele in dem unablässigen Ringen nach Erfüllung der höheren Bedürfnisse eines modernen Kulturmenschen. Neben diesen allgemeinen Lebensbedingungen stehen als Schädlinge unseres Nervenlebens noch einige besondere Momente, teils von jenen abhängig, teils selbständiger Natur. Ich ziele da vor allem auf die Berufswahl bei den Juden, so weit man eben von „Wahl" sprechen kann. Wenn in Deutschland sich Juden nicht der militärischen Karriere widmen, wenn wir ganz allgemein eine besondere Hinneigung zum Handelsstande und zu den gelehrten Berufen zeigen, so ist das zum wenigsten ein Ergebnis freier Wahl, sondern in der Hauptsache der Effekt äußern gesetzlichen Druckes oder des inneren Zwanges einer jahrhundertelangen, auch wieder durch äußere Gewalten aufgedrungenenTradition. Mit diesen ungesunden Verhältnissen beruflicher Gliederung hängt es dann weiterhin zum Teile zusammen, daß die Juden noch viel mehr als andere nach den Großstädten drängen. Wenn bei 6 Mill. russischer Juden die Einpferchung in die Stadtgebiete durch grausame mörderische Gesetze erzwungen wird, so üben die Großstädte des Westens ihre unselige Anziehungskraft gerade auf die Juden, weil sie Zentren des Handelslebens sind, alle Bildungsmöglichkeiten in sich vereinigen und dem jüdischen Drange nach Ausleben jeglicher Individualität, nach rechter Verwertung individueller Fähigkeiten den weitesten Spielraum gewähren. Aber leider ist das Stadtleben so arm an natürlichen Lebensreizen, so überreich an unnatürlichen, erregenden und zerrüttenden Nervenreizen! Fassen wir kurz zusammen: Die ererbte Prädisposition, auf dem Boden tausendjähriger Leiden erwachsen und durch die fortdauernde materielle und moralische Judennot unterhalten, die Hinneigung zu den intellektuell und psychisch angreifendsten Berufsarten, das Zusammendrängen in den Großstädten — das alles erklärt hinreichend die betrübenden Erscheinungen, die wir den „jüdischen Nerven" zuschreiben mußten. Demgemäß überwiegen bei den Nerven- und Seelenkrankheiten der Juden diejenigen Krankheitsformen, welche vorwiegend auf hereditärer Belastung, geistiger Ueberanstrengung oder gemütlicher Ueberreizung beruhen: periodische Geistesstörungen, jugendliches Irresein, konstitutionelle Neurasthenie und Zwangsvorstellungen, schwere Formen der Hysterie, Gehirnerweichung, Idiotie. Und nun zur Hygiene der jüdischen Nerven! Ich spreche hier nicht von den Maßnahmen, die für die bessere Versorgung jüdischer Nervenkranker getroffen werden müßten: Volksheilstätten für Nervenkranke und öffentliche Anstalten für jüdische Irre. Hier haben wir es nur mit den Vorbeugungsmitteln zu tun, mit den Mitteln, welche unsere schwachen Nerven widerstandsfähiger machen können. Diese Prophylaxe kann nicht früh genug begonnen werden. Wieviel kann die Erziehung für die Gesundheit des Nervensystems tun, wieviel selbst an einer fehlerhaften Anlage ausgleichen! Zwei Untugenden sind es vor allem, mit denen gerade jüdische Eltern die Nerven ihrer Kinder oft unberechenbar schädigen: die Affenliebe und der Ehrgeiz. Die vielgerühmte jüdische Elternliebe führt nicht selten zu verweichligender Zärtlichkeit, namentlich zu einer alles vernünftige Maß übersteigenden Besorgnis um die Gesundheit der Kinder; so werden diese an hypochondrische Selbstbeobachtung und krankhafte Eigenliebe gewöhnt, während ihnen eine gewisse Härte gegen sich selbst 6 81