Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 89)
- Language
- German
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WWW »g«i fgl; Die Hygiene der jüdischen Nerven von vr. jeremias, Posen Jüdische Nerven? Die uns feindlich gesinnt sind, sprechen viel von jüdischen Nasen, jüdischem Gelde, jüdischer Aufdringlichkeit; die dem alten Volke Gottes Wohlwollen, rühmen oft jüdische Anspruchslosigkeit und Wohltätigkeit, jüdisches Streben, den „jüdischen Kopf". Aber jüdische Nerven? Nun, die Redensart stammt nicht von mir, ich fand sie schon in einem vor 125 Jahren erschienenen Werkchen „über die Krankheiten der Juden" angewandt, ohne Kommentar, als wäre der Begriff damals bereits geläufig gewesen. Und wirklich handelt es sich dabei nicht um ein leeres Schlagwort, sondern um den äquivalenten Ausdruck realer und leider sehr ernster Verhältnisse. Tatsache ist, daß das Nervensystem der Juden durchschnittlich weniger widerstandsfähig, mehr zu Erkrankungen disponiert ist als bei Nichtjuden. Das schließt der Psychologe schon aus der größeren Beweglichkeit, der „Zappligkeit" unserer Glieder, aus der rührenden Schwermut, die um Mund und Augen so vieler Judenkinder lagert, aus der Jmpressionabilität jüdischer Geister und der Labilität unseres Gemütslebens. Die Aerzte, die darauf achten gelernt haben, sind darin einig, daß im Einzelfalle bei Juden Erkrankungen jeder Art Nervensystem und Psyche stark in Mitleidenschaft ziehen und daß allgemein die gewöhnliche Nervosität fast ein Attribut des Durchschnittsjuden ist, kaum noch als Anomalie erscheint. Auch die schweren Nervenleiden, funktionelle wie organische, finden sich unter Juden besonders häufig. Für die tiefgreifendsten Störungen des Nervensystems, die Geisteskrankheiten, gibt uns die Statistik ein von allem Subjektivismus unabhängiges Material an die Hand. Es unterliegt demnach keinem Zweifel, daß die Juden aller Länder und Kulturen in gleicher Weise ein ungewöhnlich hohes Kontingent zu den Geisteskranken stellen, daß die Juden ganz besonders zu schweren Alterationen des Nerven- und Seelenlebens neigen. Diesen Verhältnissen müssen diejenigen, denen es mit dem Wiederaufbau des jüdischen Volksorganismus ernst ist, ihre volle Aufmerksamkeit schenken und unentwegt auf Abhilfe sinnen. Doch die Hygiene der jüdischen Nerven kann nur dann den rechten Weg finden, wenn sie sich auf die Kenntnis der Ursachen der geschilderten Tatsachen stützt. Die Ursachen müssen, da eben die starke neuropathische Veranlagung eine universell-jüdische ist, in Bedingungen liegen, welche die Juden aller Länder gemeinsam betreffen. Da ist es denn vor allem die tausendjährige gemeinsame oder gleichaltrige Leidensgeschichte. Lange, schwere Leiden prägen der Volksseele gleichwie der Einzelseele unverlöschliche Erinnerungen ein, die bei jedem neuen Leid, dieses vermehrend und verbitternd, wieder erwachen. So hat das jüdische Volksganze, in außerordentlicher Summation derartiger Reminiszenzen, eine besondere Wehleidigkeit und Reizbarkeit erworben, die nun jeder Jude gleichsam schon auf die Welt mitbringt — das nennt der Arzt dann erbliche Disposition. Diese Disponiertheit, Labilität des Nervensystems bleibt latent, wenn der Lebensfaden sich ohne Knoten und Verwicklungen von einem Ende zum anderen abspinnt; aber sie wird unterhalten, verstärkt und schließlich als krankhafte Störung manifestiert, wenn sie öfteren harten Proben ausgesetzt wird. An solchen „Be- 80