Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 91)
- Language
- German
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und Rücksichtslosigkeit gegen kleine Leiden und Schmerzen anerzogen werden sollte. Der Ehrgeiz jüdischer Eltern zwingt manches Kind zum Besuche einer höheren Schule, deren geistigen Anforderungen es keineswegs gewachsen ist, wie denn gerade bei uns das vornehmste Ziel der Erziehung in der Erwerbung möglichst vielen Wissens gesucht wird. Hand in Hand mit dieser Bevorzugung höherer Schulen arbeitet die Standeseitelkeit der Eltern daran, die gelehrten Berufe zu überfüllen. Statt dessen sollte bei der Wahl des Schultyps, mehr noch bei der Bestimmung des Berufes die individuelle Begabung und geistige Eignung des Kindes in erster Linie maßgebend sein. Dann werden wir auch dem Kunstgewerbe, der Technik, dem Garten- und Ackerbau, dem Handwerk mehr Jünger zuführen und mehr Respekt entgegenbringen. Besonders begabte Kinder mögen die Gymnasien und später die wissenschaftlichen Hochschulen besuchen; aber weil die talentierten Kinder auch gerade die nervösen sind, vermeide man die beliebte Stachelung des ohnedies meist vorhandenen Ehrgeizes, damit er nicht zur Höhe einer die Gesundheit untergrabenden Leidenschaft emporwachse. Den Judenkindern des Ostens freilich sind die höheren Schulen fast verschlossen; umsomehr wird in den Ehedarim gegen ihr junges Nervensystem gesündigt. Die Stundenzahl ist meist ungeheuerlich hoch und der Lehrstoff ganz und gar nicht auf Kindergehirne berechnet. Talmudische Kasuistik und Pilpul sollten aus dem Jugendunterricht verschwinden, dafür die Realien mehr berücksichtigt werden. Auch für die rechte Verwendung der schulfreien Stunden muß in jüdischen Kreisen mehr Sorge getragen werden. Da hocken die Kinder stundenlang über Lesebüchern aller Art, und, so weit diese noch nicht durch ihren schreckhaften Inhalt wie manche Märchen oder durch abenteuerliche Stoffe von Jndianergeschichten nachhaltig erregend wirken, wird allein durch das Plus von geistiger Mehrleistung eine Erschöpfung herbeigeführt, die bei öfterer Wiederkehr sich dauernd festsetzen muß. Weit verderblicher sind Theaterbesuche und Vergnügungsreisen für Kinder, ferner die jetzt so beliebten Kindergesellschaften und Kinderbälle. Alles das fördert den in nervösen Kindern schlummernden Hang zu intellektueller Frühreife, entzieht sie früher als nötig der glücklichen Naivität und friedlichen Anspruchslosigkeit ihrer Anschauungen, Gewohnheiten und Spiele. Demgegenüber kann nicht eindringlich genug daran gemahnt werden, auf harmonische Ausbildung von Körper und Geist bedacht zu sein. Regelmäßige Leibesübungen (Turnen, Schwimmen, Rudern), viel Bewegung und Spiele im Freien, gewähren dem nervösen oder zur Nervosität beanlagten Kinde alles, was ihm sonst fehlt: Erholung der abgespannten Nerven, Ausarbeitung der Muskeln, Gelegenheit zur Abstumpfung von Wehleidigkeit und Empfindlichkeit, wie zur Entfaltung eigener Kraft und zur Stählung des Mutes, Ablenkung von Selbstbeobachtung und ausschweifender Phantasie. All die genannten Mittel werden auch Gutes leisten in der Vorbeugung der geschlechtlichen Frühreife, die, in unserer orientalischen Abkunst begründet, durch geistige und gemütliche Ueberreizung noch mehr beschleunigt wird und zum Ausgangspunkte neuer, schwerer Schädigungen für das jugendliche Nervensystem werden kann. Hier sei auch daraus hingewiesen, daß für Kinder noch mehr wie für Erwachsene die Vermeidung übermäßigen Fleischgenusses, vielmehr die Bevorzugung von Milch und Vegetabilien und überhaupt Mäßigkeit im Essen sich empfiehlt. Scharfe Gewürze, die ja in der jüdischen Küche leider sehr beliebt sind, ferner Kaffee, Thee und vor allem alkoholische Getränke müssen bis zur Pubertät möglichst ferngehalten werden; sie enthalten Stoffe, welche auf die Nerven, besonders die der Geschlechtssphäre, erregend wirken. Alles, was ich im Hinblicke auf die Hygiene des jugendlichen Nervensystems gesagt habe, wird auch für Erwachsene beherzigenswert sein. In jedem Lebensalter sind die besten Schutzwaffen des Nervensystems: regelmäßige Leibesüb-