Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 43)
- Language
- German
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haben aber mitunter in Presse, Schule und öffentlichem Leben vielfachen Schaden angerichtet. In Frankreich wurde die Trennung von Staat und Kirche definitiv durchgesührt, das Konkordat mit Rom gekündigt, bei den Deputiertenwahlen 4 Juden ins Parlament gewählt. Die bisherige Organisation der Bekenner des jüdischen Glaubens und damit die staatliche Subvention von 200000 Franks fallen nunmehr fort. Jetzt werden Kultusvereine existieren, diese sollen zu Verbänden zusammengefaßt werden, die einen Sprengel von 500 Seelen umfassen. Sämtliche Rabbiner Frankreichs bilden eine Konferenz, die an Stelle des Großrabbinats tritt, und 3 Deputierte in die Zentralunion d. h. die Vereinigung aller Verbände entsendet. Im allgemeinen hat Frankreich heute als fast einziger Staat die volle Gleichberechtigung der Juden durchgeführt, nachdem Dreyfus vollständig rehabilitiert, Zolas Manen die gebührende Ehrung durch Ueberführung seiner Leiche nach dem Pantheon, Piquard eine volle Satisfaktion durch Ernennung zum Minister zuteil ward. Die Konferenz von Alge ciras hat vorübergehend die Judenfrage gestreift, ohne zu positiven Resultaten zu gelangen. Die Lage der Juden in Marokko ist nach wie vor eine bedrohte. In Tanger, Bejä und Harra fanden im September 1906 Pogrome statt. Viele Juden wurden getödtet. In Italien, wo nur wenige Inden leben, bekleiden einige unserer Brüder in Ministerien hohe Posten. Antisemitismus kennt man hier nicht. Dänemark, Schweden und Norwegen werden gegenwärtig von der Emigration russischer Juden heimgesucht, gegen die die autochthonen Juden sich aus Furcht vor Auftauchen der Judenfrage schützen wollen. In Englands Parlamente sitzen 14 Juden. Die Emigrationsbill ist in Kraft getreten mit all den Nachteilen gegen die Zuwanderer, die unaufhaltsam weiterhin England als ein Eldorado betrachten. Der neue Schulgesetzentwurf liefert die jüdischen Schulen ganz den Behörden aus. In der Levante nehmen die Juden im allgemeinen eine günstige Stellung ein. Immer war die Türkei den Juden gegenüber tolerant und erkennt in ihnen ihre natürlichen Genossen. Nunmehr wächst die Emigration nach dem Orient, besonders nach Palästina, das allerdings noch mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Die Errichtung der Kunstgewerbeschule „Bezalel" in Jerusalem eröffnet neue Arbeitsgelegenheiten und einen neuen Machtzweig, das Schulwerk der Alliance und des Hilfsvereins nimmt breitere Dimensionen an, der Ackerbau findet immer mehr Pflege. In China (welch sonderbares Paradoxon gegenüber Europa!) ist die völlige Gleichstellung der wenigen Juden ohne Beschwerden durchgeführt. Daffelbe läßt sich von Australien sagen, wo aber die Gleichberechtigung zur Auflösung des Judentums auf dem Wege der Mischehe und zum Proteste gegen die russische Emigration nach Australien führt. Südafrika ist ein kleines Eldorado für die dortigen Juden, die sich aber aller Pflichten gegen ihre Brüder durch Hilfeleistung und Geldopfer bewußt zeigen. Jenseits des großen Ozeans, in Amerika, ist die Emancipation völlig durchgeführt, auch die behördliche Praxis stimmt damit überein. Aber wie sehr die Gesellschaft auch hier den zwei Millionen Juden gegenüber voreingenommmen ist, beweist die Gründung des „American Jetvish Comittee", das die Beseitigung der religiösen und bürgerlichen Rechte der Juden nicht zulassen will. Schwierigkeiten hätte den Einwanderern die Erhöhung der Taxe auf 5 Dollar und die Forderung der Kenntnis einer lebendigen Sprache bereitet, wenn nicht das Abgeordnetenhaus beides verworfen hätte. Doch wurde wenigstens die Naturalisation insofern erschwert, als jetzt zwischen der Bewerbung um das Bürgerrecht und dessen Gewährung mindestens 2 Jahre liegen und die Kenntnis des Englischen nachgewiesen werden muß. Der neue Handelsminister 34