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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1907-01-01 · 5668 = 1907/08 · p. Seite 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5668 = 1907/08
Date
1907-01-01
Page
Seite 35 (sequence 44)
Language
German
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Oskar Strauß ist ein eifriger Förderer der jüdisch-territorialistischen Bewegung. Die Lage der Juden in Deutschland hat gegenüber früheren Jahren weder zum Guten noch zum Schlechten eine Aenderung erfahren. Die Antisemiten haben bei den letzten Reichstagswahlen relativ große Erfolge zu verzeichnen gehabt: Zunahme der Stimmcnzahl und der Mandate. In der Stichwahl zwischen einem Sozialdemokraten und einem Antisemiten hat das „liberale" Bürgertum in Deutschland sich für den letzteren entschieden. Selbst Vorstandsmitglieder des Abwehrvereins haben offen für die Wahl des Antisemiten ihre Stimme erhoben. Hören wir, wie Theodor Barth in der letzten Generalversammlung des Abwehrvereins sich äußert: „Der Antisemitismus hat im Laufe der Zeit sein äußeres Gesicht nicht unwesentlich verändert. Das, was man früher mit Radauantisemitismus bezeichnte, hat sich mehr und mehr verflüchtigt, wenn man von der psychiatrischen Figur des Grafen Pückler absieht. An die Stelle dieses Radauantisemitismus ist aber die meines Erachtens viel gefährlichere Form jenes Antisemitismus getreten, der zwar die antisemitische Gesinnung beibehält, aber die äußeren Formen besser zu wahren versteht. Der Antisemitismus hat tatsächlich unser ganzes öffentliches Leben mehr als früher durchdrungen. (Sehr richtig.) Die Gefahren, die daraus für die konstitutionelle Entwicklung unseres Vaterlandes zu erwachsen drohen, sind schlimmer, als sie es vordem waren. Die konfessionelle Rechtsgleichheit steht bei uns auf dem Papier, sie ist aber nicht in Wirklichkeit vorhanden. Was bedeutet es, wenn gelegentlich einmal diesem oder jenem angesehenen Juden eine Ehrenbezeugung erwiesen wird, wenn nicht dieser Grundsatz der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit auch dem letzten Juden gegenüber zur praktischen Bedeutung wird? Wir erleben es alle Tage, daß jemand nur deswegen, weil er sich zur israelitischen Konfession rechnet, bei der Vergebung von Staatsstelten zurückgesetzt wird. Wir erleben das in den verschiedensten Ressorts der Staatsverwaltung. Wir erleben das bei unseren Universitäten und vor allen Dingen in den Institutionen unserer Armee. Wir müssen uns deshalb ans den Standpunkt stellen: der Antisemitismus ist für uns der Feind, und wir können insbesondere innerhalb unseres Vereins an leitenden Stellen niemanden dulden, der nicht der Meinung ist. daß in allen Fällen der Antisemit den größten Feind darstellt. Landtagsabgeordneter Cassel. Der Antisemit ist auch der schlimmste Feind, denn der, der den Grundsatz der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit verneint, ist ein viel gefährlicherer Schädiger unserer Staats- und Gesellschaftsordnung als der wütendste Sozialdemokrat." Die großen jüdischen Institutionen in Deutschland: die Alliance, der Hilfsverein, der U. O. B. B., dessen 25jähriges Jubiläum unter Teilnahme der gesamten Judenheit im März d. I. gefeiert wurde, haben im letzten Jahre einen gewaltigen Aufschwung genommen, überall, besonders auch in den Literaturvereinen, ist reges jüdisches Leben. Das ist es, was uns hoffnungsfroh in die Zukunft blicken läßt.

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