Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 41)
- Language
- German
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untersten Schichten des Volkes die Mordmaximen der Regierung zu billigen scheint. Die Ursachen der Pogrome sind heute nicht mehr zweifelhaft. Die Regierung bedarf eines Blitzableiters für die nicht mehr zu zähmende Volkswut und schiebt demgemäß alle Schuld an der inneren Krise auf die Juden. Nun ist auch die 2. Duma wieder aufgelöst, und was die Zukunft bringen wird — man weiß es nicht. Eines aber weiß man: die Geschicke des russischen Reiches oder richtiger gesagt, des russischen Oskar Strauß. amerikanischer Handelsminister. Despotismus hängen an dem Kredit, den die Außenwelt ihm gewährt. Und es bleibt ein unausrottbarer Schandfleck, daß österreichische jüdische Kapitalisten den russischen Judenmördern um eines lächerlichen Gewinnes willen ihr Geld herliehen. Europa darf Rußland keinen Pfennig leihen, und seine internationalen Vertreter hätten ein erlösendes Wort im Haag sprechen sollen. Es ist die höchste Zeit. Rumänien ist Rußland getreu gefolgt, nein diesmal hat es sogar das Moskoviterreich an Kulturfeindlichkeit, Vandalismus und Barbarei übertroffen. Die Pogrome im März 1907 sind nahezu beispilllos und doch ein wenig verständlicher. Hier hat wirklich eine ökonomische Ursache mitgewirkt, die Ausbeutung des depravierten Bauernstandes, der nunmehr panem et circenses schreit. Aber welche Schuld hat das Häuflein jüdischer Grundbesitzer im Verhältnis zu der himmelschreienden Völlerei der Landbarone auf sich geladen, daß ein förmlicher Kriegszug das Land durchbrauste, ganze Stadtteile und Dörfer dem demagogisch verhetzten, v and alistisch en B estientrieb e d er rum än ischen Bauern zum Opfer fielen, Frauen und Kinder erbarmungslos gelyncht, ungezählte Familien brotlos, ihrer Rechte beraubt wurden? Der Berliner Vertrag von 1878 ist mit Füßen getreten worden, und die selbst unklaren Berichte lassen die Initiative der Behörden zu diesem Pogrome unzweifelhaft erkennen. Auch hier hat Europa geschwiegen wie bisher. Und die verbürgte Gleichstellung hat noch nicht zur Naturalisation der Juden geführt, die weiterhin unbehindert als Fremde behandelt werden. Der König Karo l steht den Judenverfolgungen ferne, aber er ist ein gänzlich Ohnmächtiger gegenüber der Hetzarbeit aller reaktionären Cliquen des Landes. Von Rumänien wandern ebenfalls viele tausende von Juden alljährlich nach Europa, Amerika und Asien. Eine sonderbare Entwicklung machen eben die Juden Oesterreichs durch. Durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes haben die Juden ihre Stellung gegenüber den Parteien etwas verschieben müssen. Der Liberalismus hat an Bedeutung und Macht verloren und nunmehr beginnt ein sozialerer Zug durch das Nationalitätenchaos zu wehen. Die Sozialdemokraten habey bei den ersten Wahlen auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes einen kolossalen Sieg errungen, die Jüdisch-Nationalen haben 4 Mandate erobert und schicken 4 Zionisten, die Abgeordneten Straucher, Mahler, Gold und Stand in den Reichsrat. Das wäre an sich ein erfreuliches Symptom für die Juden, wenn nicht die Sozialdemokratie selbst, durch Nationalitätengegensätze zerklüftet, den Antisemitismus, wenn auch versteckt, betreiben würde. Zudem kommt noch, daß die Verklausulierung 32