Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 1× ep/1000834
- Vilnius 1× ep/1000947
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Das fahr 5667 unserer Seschichle. Wir leben in einer Zeit, da dieJudenheit von politischen und sozialen Wirrungen aller Art umtost wird. In jenem dunklen Osten, wo anders als im Reiche Karls V. die Sonne niemals aufgehen will, spielt sich seit Jahrzehnten eine Martyriologie ab, wie siedieWeltgeschichte bisher noch nicht geschaut! Es würde nicht möglich sein hier die Geschichte der russischen Juden allzuweit nach rückwärts zu verfolgen; aber soviel muß konstatiert werden, daß die Politik Rußlands seit dem Ausbruche der Freiheitsbewegung an einem Wendepunkte angelangt ist, der eine neue Aera herbeiführen wird. Die russische Judenpolitik, die bislang auf den Prinzipien des corpus juris und der Staatsraison basierte, und mit einer konsequenten Stabilität in raffiniertester Weise die Ausrottung der Juden versuchte, hat heute einen Stoß durch die Revolution erlitten, so daß füglich behauptet werden darf, daß die alten Zustände sich sicherlich nicht mehr wiederholen werden, wie immer auch die Zukunft sich gestalten sollte. Aber dies ist eben nur eine Worisch unanfechtbare Prognose, während die unvon Goldschmidt-Rothschild (vom Kaiser in den Fretherrnstand erhoben.) mittelbare Gegenwart noch weiter Nagaika und Pulver auf das gescheuchte Judenwild herniederprasseln läßt und dem allmächtigen Tschinownik, dem hungertobenden Muschik noch nicht das Heft aus den Händen gerungen hat. Jüdisches Blut ist wieder der pathologischen Verfolgungswut und dem Zerstörerwahnsinn zum Opfer gefallen. Mit dem Pogrom von Siedlice, der mindestens 500 Juden das Leben kostete, begann das Jahr und seitdem hat die Geschichte wieder eine Kette von ungezählten Judenleichen in in ihren Büchern registriert. Unter dem Vorwände, die jüdischen Revolutionäre hätten auf die Polizei geschossen, richtete das Militär unerhörte Metzeleien an. Eine ganze große Reihe von Städten wie zum Beispiel Wilna, Elisabethgrad, Kischinew, Odessa, Lodz etc. etc. hat dem Wüten der Hooligans ihre Pforten geöffnet, und fast allwöchentlich liest man von sogenannten kleinen Pogromen, bei denen einige Juden verschwinden, ohne daß jemand etwas davon erführe. So gering ist der Wert des Menschenlebens in Rußland geworden, daß man bis in die 31