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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1907-01-01 · 5668 = 1907/08 · p. Seite 29

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Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5668 = 1907/08
Date
1907-01-01
Page
Seite 29 (sequence 38)
Language
German
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der Leidenschaft einer oft vielmehr scheelsüchtigen als kirchlichen Menge dienten, ja aufreizend tätig wurden." Kaiser Wilhelm II., erklärte in seiner ersten Thronrede feierlich: „Dem Vorbilde meiner erhabenen Ahnherren folgend, werde ich es jederzeit als eine Pflicht erachten, allen religiösen Bekenntnissen in Meinem Lande bei der freien Ausübung ihres Glaubens Meinen königlichen Schutz angedeihen zu lassen." Aus der Jugend unseres Kaisers erzählt uns F. Ayme, der in den Jahren 1875—77 die Prinzen Wilhelm und Heinrich in Kassel in der französischen Sprache unterrichtete: „Der Prinz Wilhelm zog keinen Unterschied zwischen den Adligen und dem Volke, ebenso wenig wie zwischen Juden und Andersgläubigen, und da er energisch und autoritativen Temperaments war, paßte er bereits, soweit ihm möglich, seine Taten seinen Theorien an. So hatte er sich auf dem Gymnasium mit einem jungen Israeliten befreundet. Er lud zum Skandal des Hofes und der Stadt diesen Freund ein, die Weihnachtsferien in Berlin und Potsdam zu verbringen." Die Antisemiten haben, bevor der jetzige deutsche Kaiser Wilhelm II. zur Regierung kam, in Flugblättern ihren Hoffnungen auf seine Regierung Ausdruck gegeben. Sie suchten geflissentlich die Meinung zu verbreiten, daß Kaiser Wilhelm II. ihren Bestrebungen nicht abhold sei. Dem gegenüber hat der preußische Abgeordnete Graf Douglas in einer Rede, welche er in Aschersleben ani 4. Oktober 1888 gehalten hat, diese Hoffnungen und Ausstreuungen der Antisemiten in entschiedener Weise zu schänden gemacht. Es sei hier der Wortlaut der betreffenden Stelle der Rede, die als Broschüre herausgegeben und in einer größeren Zahl von Auflagen erschienen isU), angeführt. Graf Douglas sagte: *) Was wir von unserem Kaiser hoffen dürfen. Von Graf Douglas, Mitglied des Hauses der Abgeordneten. Berlin 1888. Verlag von Walther u. Apolant. „Und wenn versucht worden ist, den Kaiser sogar mit der antisemitischen Bewegung in Verbindung zu bringen, so ist auch dies eine Dreistigkeit, der ich auf das Bestimmteste entgegen treten muß. Der Kaiser ist sich bewußt, daß er auch in dieser Beziehung auf einer höheren Warte steht als der Zinne der Partei und daß die Preußen jüdischen Glaubens so gut seine Untertanen sind wie die christlichen Preußen. Hieraus ergiebt sich, daß er ihnen in gleicher Weise, wie diesen, allezeit seinen königlichen Schutz gewähren wird und gewähren will. Ich darf in dieser Beziehung auf eine der „Berliner Börsenzeitung" von vertrauenswürdiger Seite zugegangene Mitteilung Bezug nehmen. Danach hat der Kaiser gelegentlich einer Unterredung ähnliche Anschauungen geäußert, wie: Ich kenne nur Vaterlandsfreunde und Gegner unserer gesunden Entwickelung. Niemand wird mir Zutrauen, das Rad der Zeit zurückschrauben zu wollen. Im Gegenteil, es ist der Hohenzollern Stolz, über das zugleich edelste und gereifteste, wie gesittetste Volk zu regieren. Und in dies Lob schließe Ich Alldeutschland ein. Unsere ganze Gesetzgebung ist von humanen Grundanschuungen diktiert. Wer dies verkennt und die Geister gegen einander hetzt, gehöre er welcher Richtung immer an, hat auf Meinen Beifall nicht zu rechnen. Es gibt wahrlich ernsteres zu tun." Ich kann versichern, daß Sr. Majestät, nachdem er diese ihm zugeschriebene Aeußerung gelesen hatte, zwar bemerkt hat, er entsinne sich der Worte nicht mehr, aber er nehme keinen Anstand, sich zu der darin ausgedrückten Auffassung zu bekennen." In derselben Rede sagte Graf Douglas: „Er (der Kaiser) hat es wiederholt ausgesprochen, daß sein Leben dem Volke gehört, ohne Unterschied des Glaubens, der Abstammung oder der politischen Parteistellung." Als sich am 29. März 1890 die Freifrau von Rotschild an Kaiser Wilhelm II. mit der Bitte wandte (s. Franks. Ztg. vom 20. Dez. 1894): „So darf auch ich denn hoffen, den Gerechtigkeitssinn Ew. K. Majestät nicht vergebens anzurufen, wenn ich sie beschwöre, die Lage ihrer jüdischen Untertanen in gnädige Erwägung ziehen und hierbei fremden Vorurteil und Uebelwollen keinen Einfluß gestatten zu wollen", erhielt sie vom Geh. Kabinets-Rat v. Lukanus die Antwort: „Seine Majestät umfaßt alle ihre Untertanen ohne Rücksicht auf Stand oder Religionsbekenntnis mit gleichem landesväterlichem Wohl- 29

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