Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 37)
- Language
- German
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ihnen Religionsfreiheit zu predigen. Von den Juden kann nur gelegentlich die Rede sein. So achtete Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, „gewissenhaft die Verträge, welche den Katholiken in den anderen Teilen seines Staates Religionsfreiheit zugesichert hatten, und sein Verhalten gegen Juden, Mennoniten, Soeinianer und andere Sekten beweist, daß seine persönliche Ueberzeugung einer noch viel weiter reichenden religiösen Toleranz gehörte. Im Jahre 1686 schrieb er an den Herzog Viktor Amadeus von Savoyen: „Wie heftig auch immer in der Regel der aus Verschiedenheit der Religionsmeinungen entstehende Haß sein mag, älter und heiliger ist doch das Gesetz der Natur, nach welchem der Mensch den Menschen 311 tragen, zu dulden, ja dem ohne Schuld Gebeugten Zu Helsen verpflichtet ist." Das war „der Schlüssel zu der persönlichen Grundanschauung des Kurfürsten", wie dies auch Pufendorf in warmen und schönen Worten bestätigt. In dieser Hinsicht war Friedrich der Große ganz der Erbe des großen Kurfürsten. In seinem „Politischen Testament" vom Jahre 1751 sagt er: „Die Katholiken, die Lutheraner, die Reformierten, die Juden und Zahlreiche andere christliche Sekten wohnen in diesem Staat und leben da in Frieden. — Ich suche sie alle Zu vereinigen, indem ich ihnen zum Bewußtsein bringe, daß sie alle Bürger eines Staates sind und daß man einen Menschen, der einen roten Rock trägt, ganz ebenso lieben kann, wie denjenigen, der einen grauen trägt." Wir möchten an dieser Stelle noch zwei andere Aussprüche dieses größten Hohenzollernfürsten einschieben. Wie er über die Juden dachte, geht aus den Worten hervor, die einem seiner Briefe an d'Alembert (veröffentlicht in dem halbamtlichen Militärwochenblatt) aus dem Jahre 1781 entnommen sind: „Erlauben Sie mir. Ihnen Zu sagen, daß unsere jetzigen Religionen der Religion Christi so wenig gleichen wie der irokesischen. Jesus war ein Jude und wir verbrennen die Juden. Jesus predigte eine gute Sittenlehre, und wir üben sie nicht aus. Jesus hat keine Lehrsätze aufgestellt, und wir haben reichlich dafür gesorgt." Und in der „Geschichte des Hauses Brandenburg" sagt Friedrich II.: „Der falsche Eifer ist ein Tyrann, welcher die Länder entvölkert. Die Toleranz ist eine zärtliche Mutter, welche sie nährt und zur Blüte bringt." Im 19. Jahrhundert ist das Prinzip der Religionsfreiheit allmälig Gemeingut aller zivilisierten Staaten geworden. — Am 3. Juli 1869 ist in dem deutschen Reichsgesetz der Grundsatz niedergelegt worden: „Alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte werden hierdurch aufgehoben." Kaiser Wilhelm I. verkündete es als seine „frohe Ueberzeugung, daß die ganze Nation in aufrichtiger Vaterlandsliebe, ohne Rücksicht auf politisches und religiöses Bekenntnis, in der Treue zu Kaiser und Reich fest und innig zusammenstehe." Kaiser Friedrich III., der bekanntlich dem Vorsteher der Berliner jüdischen Gemeinde, Geh. Kommerz.-Rat und Stadtrat Magnus, gegenüber die antisemitische Bewegung für eine „Schmach unserer Zeit" erklärt, verkündete bei seinem Regierungsantritt: „Ich will, daß der seit Jahrhunderten in Meinem Hause heilig gehaltene Grundsatz religiöser Duldung auch ferner allen Meinen Unterthauen, welcher Religionsgemeinschaft und welchem Bekenntnis sie anch angehören, zum Schutz gereiche. Jeder unter ihnen steht Meinem Herzen gleich nahe." Mit Recht sagt Friedrich Crönert in seiner Schrift „Kaiser Friedrich und Marc Aurel" (1898): „Daß sich Kaiser Friedrich über die judenfeindliche Bewegung in Deutschland sehr scharf und strafend ausgesprochen, ist bekannt, und wir dürfen mit seiner Mutter wohl annehmen, daß dies in lebhafter Erinnerung an mütterliche Lehren der Jugendzeit geschehen, die Herders Schriften entsprechen. Die Juden um ihrer Abstammung und Eigentümlichkeiten, gar um ihres Glaubens willen zu verachten, den Trost, den sie haben, ihnen zu mißgönnen, dünkte ihm ein Zeichen niederer Gesinnung und vor allem durch und durch unchristlich, und niemand bedauerte mehr als er, daß auch Geistliche 28